Selbstmordanschlag in Moskau Dokumente des Terrors

"Da war der Geruch von verbranntem Fleisch": Überlebende berichten von erschütternden Szenen nach der Explosion auf dem Moskauer Flughafen Domodedowo. Unter den Todesopfern befindet sich auch ein Deutscher. Unterdessen droht Regierungschef Putin mit Rache.

Es ist ein Dokument des Terrors: Im Vordergrund ist eine Blutlache zu sehen, dahinter liegen dunkle, seltsam verzerrte Bündel auf dem Boden, der Betrachter kann nur erahnen, dass es sich möglicherweise um Leichen handelt. Im Hintergrund stehen Menschen in einer Schlange, sie wirken starr. Das Bild ist unscharf, aufgenommen mit einer Handykamera aus dem Inneren der Ankunftshalle für internationale Flüge auf dem Moskauer Flughafen Domodedowo, offenbar kurz nach der Explosion. Ein Augenzeuge hat das Bild über den Online-Dienst Twitter hochgeladen.

Der Screenshot des Videos einer Überwachungskamera zeigt den Moment der Explosion auf dem Moskauer Flughafen. Immer wieder kursieren im Netz auch Handyvideos von Augenzeugen.

(Foto: REUTERS)

Am Tag nach dem Anschlag läuft der Flugbetrieb in Domodedowo wieder weitgehend normal weiter. Doch der Schock ist nach wie vor zu spüren: Passanten legen Nelken nieder, der Anschlagsort selbst ist mit Sperrbändern abgeriegelt. Einheiten der Sonderpolizei OMON laufen verstärkt Streife. Die ankommenden Reisenden müssen schon beim Betreten des Flughafengebäudes ihre Taschen zur Kontrolle auf Laufbänder legen und durchleuchten lassen.

Regierungschef Wladimir Putin richtete drastische Worte an die Hintermänner des Anschlags und kündigte "unvermeidliche Vergeltung" an. "Für dieses grausame und sinnlose Verbrechen werden die Terroristen büßen", sagte Putin nach Angaben der Agentur Interfax. Die Behörden vermuten nach eigenen Angaben, dass Terroristen aus dem russischen Konfliktgebiet Nordkaukasus hinter dem Anschlag stecken.

Neben einem Café in der Ankunftshalle des Flughafens hatte sich am Montag um kurz nach halb fünf Moskauer Zeit ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Mindestens 35 Menschen starben, mehr als 130 wurden verletzt. Nach Angaben des Katastrophenschutzministeriums in Moskau sind unter den 35 Toten auch acht Ausländer, darunter ein 34-Jähriger Mann aus Köln, der geschäftlich nach Moskau gereist war.

Unter den anderen Ausländern sind Todesopfer aus Großbritannien, Bulgarien, Usbekistan, Kirgisistan, Tadschikistan und der Ukraine. Von den 35 Toten hätten Gerichtsmediziner inzwischen 18 Leichen identifiziert. Die Arbeit sei schwierig, weil viele Wartende von der Druckwelle der Bombe und umherfliegenden Metallteilen zerrissen worden seien.

Der Flughafen wird seit Monaten umgebaut. Somit war das Gedränge in der Ankunftshalle bei der Explosion größer als sonst. Ermittlern zufolge gelang es dem Attentäter, eine Bombe mit einer Sprengkraft von sieben Kilogramm TNT an den Sicherheitsvorkehrungen vorbei in den Flughafen zu schmuggeln.

Der Russe Artjom Schilinkow befand sich bei der Explosion in der Ankunftshalle, offenbar in Sichtweite des oder der Attentäter: Im Zentrum der Halle sei ein Mensch mit einem Koffer gewesen, berichtet er dem russisches Boulevardblatt Komsomolskaja Prawda. "Ich weiß nicht, ob der Koffer explodiert ist oder der Mensch. Alles, was sich drumherum befand, alle Menschen starben." Zwei Säulen, die die Wucht der Explosion abmilderten, hätten ihm das Leben gerettet.

"Ich sah aufgeplatzte Bäuche, abgerissene Arme und Beine. Die Bombe setzte eine unglaubliche Energie frei", berichtet Schirinkow weiter. "Da war sehr viel Rauch. Schwarzer Rauch. Man konnte nicht atmen. Da war Geruch von verbranntem Fleisch." Unter den Menschen sei Panik ausgebrochen. Alle hätten gedacht, es würde eine zweite Explosion geben, alle seien in Richtung Ausgang gerannt. Danach, als sich die Menge auf der Straße zerstreut hatte, seien alle, "die noch ganz waren", losgerannt, um den Verletzten zu helfen.

Auch der Österreicher Johann Hammerer war vor Ort, er befand sich gerade in der Ankunftshalle, um sein Gepäck abzuholen, als der laute Knall ertönte. "Der Boden zitterte. Ich dachte, gleich kracht die Decke herunter", sagte Hammerer im Gespräch mit einem Reporter der BBC. "Am Ausgang sah ich Staub, Leute schrien, weinten und liefen weg. Dann fand ich mein Gepäckstück, wollte raus, aber der Ausgang war blockiert, wir mussten einen anderen Ausgang nehmen." Sie seien in eine andere Halle gebracht worden, erzählt Hammerer weiter. "Dort sah ich, wie sie verletzte Leute mit Gepäckwägen transportierten, einige davon waren schwer verletzt, Blut rann ihnen über den Kopf. Ich glaube, sie transportierten auch einen Toten auf einem der Gepäckwägen."

Experte kritisiert eklatante Sicherheitsmängel

Kremlchef Dmitrij Medwedjew forderte in einem Zeitungsinterview die Verantwortlichen für die Sicherheit auf dem Moskauer Flughafen zu bestrafen: Es habe eklatante Verstöße gegen die Sicherheitsvorschriften gegeben. Dort habe praktisch "Anarchie" geherrscht. Jeder habe dort kommen und gehen können, ohne kontrolliert zu werden. Wie sonst sei es dem Attentäter gelungen, sieben Kilogramm TNT in den Flughafen zu schmuggeln. "Jemand muss sich da wirklich angestrengt haben, eine solche Menge an Sprengstoff in den Flughafen zu bringen", zitiert der Sender BBC den russischen Präsidenten.

Ähnlich äußerte sich ein Sicherheitsexperte des Nationalen Anti-Terror-Komitees gegenüber der russischen Agentur Interfax: Demnach waren die Sicherheitsvorkehrungen auf dem Flughafen unzureichend, an einigen Stellen seien keine Metalldetektoren installiert gewesen oder funktionierten nicht, sagte Nikolai Sintsow. "Der Zugang zu dem Flughafenbereich war nahezu unbeschränkt. Jeder hätte hier eine Tasche an den Sicherheitsleuten vorbeischmuggeln können."

Unterdessen gibt es neue Spekulationen zu den Hintergründen des Attentats: Die russische Nachrichtenagentur RIA Nowosti berichtet, dass hinter dem Anschlag möglicherweise mindestens zwei Menschen stecken könnten. Es ist die Rede von einer Frau und einem Komplizen. Die Explosion habe sich in einem Moment ereignet, als eine Frau in Begleitung eines Mannes ihre Tasche geöffnet habe, heißt es in dem Agenturbericht unter Berufung auf einen anonymen Informanten: "Die vermutliche Terroristin wurde von einem Mann begleitet. Er stand neben ihr - ihm wurde bei der Explosion der Kopf abgerissen", zitiert die Agentur den Mann.

Die Art des Anschlags entspreche der "üblichen" Vorgehensweise von Attentätern "aus dem Nordkaukasus". Zuvor hatte die Agentur Interfax berichtet, dass am Anschlagsort der Kopf des mutmaßlichen Attentäters gefunden worden sei. Bei dem Mann handle es sich um einen 30 bis 35-Jährigen mit "arabischem Aussehen".

Die Behörden hatten Vermutungen geäußert, wonach Terroristen aus dem russischen Konfliktgebiet hinter dem Anschlag stecken könnten. Medien zufolge hatte der Inlandsgeheimdienst FSB bereits seit einigen Tagen Hinweise auf einen bevorstehenden Terrorakt in Moskau.

In der Krisenregion, wo auch das frühere Kriegsgebiet Tschetschenien liegt, kämpfen Islamisten um Unabhängigkeit von Moskau. Sie hatten immer wieder gedroht, den Terror ins russische Kernland zu tragen. Zuletzt kamen bei einem Doppelanschlag auf die Moskauer Metro Ende März vorigen Jahres 40 Menschen ums Leben.

Ein Themenspezial zu dem Terroranschlag in Moskau finden Sie hier.

"Alle standen unter Schock"

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