Anschlag in Neuseeland Polizei bittet Angehörige um Verständnis

Mike Bush, der Polizeipräsident von Neuseeland, spricht auf einer Pressekonferenz. Nach dem Anschlag auf zwei Moscheen in Christchurch hat sich die Zahl der Getöteten auf 50 erhöht.

(Foto: Daniel Hicks/dpa)
  • Die Zahl der Toten des Anschlags von Christchurch steigt von 49 auf 50.
  • Während Angehörige auf eine baldige Beisetzung nach muslimischen Regeln drängen, bittet die Polizei um Verständnis für länger andauernde Ermittlungen.
  • Der Attentäter agierte nach jetzigem Wissensstand alleine, drei Verdächtige stehen nicht mehr unter dringendem Verdacht, an dem Attentat beteiligt gewesen zu sein.
Von Felix Haselsteiner, Christchurch

Auch der zweite Tag nach den Anschlägen auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch begann mit einer erneuten traurigen Nachricht. Am Morgen teilte Neuseelands Polizeipräsident Mike Bush bei einer Pressekonferenz mit, dass sich die Anzahl der Opfer auf 50 erhöht habe. Den ganzen Samstag über habe die Polizei damit verbracht, die Leichen nach und nach aus den Anschlagsorten zu bringen, dabei habe man ein weiteres Opfer entdeckt. Mike Bush war anzumerken, dass die Aufarbeitung des Anschlags den Ermittlern ebenfalls nahegeht. Genau wie allen Polizeibeamten, die derzeit dort am Tatort arbeiten.

Bush betonte, dass die exakte Rekonstruktion des Anschlags für die Polizei von größter Bedeutung sei, auch wenn ihm bewusst sei, dass dies Kritik der Angehörigen hervorruft. Denn die zeitnahe Beisetzung der Toten ist elementar.

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"Die größte Sorge der muslimischen Angehörigen ist im Moment das Begräbnis der Toten", sagte Sheikh Amjad Ali am Sonntag. Ali, der normalerweise als Assistenz-Schulleiter an einer muslimischen Schule in Auckland arbeitet, fungiert in Christchurch derzeit als unterstützender Berater. Er kümmert sich um die Belange der Angehörigen. Über 200 Muslime sind 1000 Kilometer aus Auckland, der größten Stadt Neuseelands, eingeflogen, um ihren Glaubensbrüdern und -schwestern beizustehen.

Das zeitnahe Waschen und Begraben der Verstorbenen ist im muslimischen Glauben ein zentrales Element. Spätestens 24 Stunden nach dem Tod müsse man sich von den Verstorbenen verabschieden, um den Trauerprozess beginnen zu können. Allein die Berührung der Körper durch die Beamten verstoße eigentlich bereits gegen Regeln, erklärt Ali: "Es ist für die Angehörigen sehr schwer nachzuvollziehen, dass die Leichen so genau untersucht werden müssen, wo doch jeder weiß, was passiert ist."

Vor dem Hagley College, das nur wenige hundert Meter von der Masjid-Al-Noor-Moschee entfernt liegt und vorübergehend als Herberge für die muslimische Gemeinde eingerichtet wurde, gibt nicht nur Ali den Medien Auskunft. Viele Angehörige suchen noch nach Vermissten, noch nicht alle Leichen wurden identifiziert, die Unwissenheit sei das schlimmste, sagen sie. Am Nachmittag geht Deborah Marshall, die vor Ort ein Team von fünf Gerichtsmedizinern leitet, auf die Kritik ein, sie bittet um Verständnis, dass die Untersuchungen andauern würden: "Wir dürfen keine Fehler machen, es wäre unverzeihlich, falsche Zuordnungen zu machen", sagt sie. Bis Mittwoch werde die Identifikation vermutlich dauern.

Der Täter war ein Einzeltäter

Inmitten der einträchtig trauernden Stadt ist so eine Debatte entstanden, die unlösbar scheint, weil eine exakte Untersuchung der Todesursachen für die Anklage gegen den mutmaßlichen Terroristen Brenton T. eminent wichtig erscheint. T., auch das gab die Polizei am Sonntag bekannt, handelte als Einzeltäter. Kurzzeitig war es am Freitag zu vier Festnahmen gekommen, eine festgenommene Person war bereits kurze Zeit später wieder freigelassen worden. Auch die zwei weiteren Personen haben keine Verbindung zu dem Anschlag gehabt, eine wurde am Sonntag freigelassen, die andere verbleibe aufgrund eines anderen Vergehens jedoch im Gefängnis. Worum es sich bei diesem Vergehen genau handelte, wurde nicht offiziell kommuniziert.

Neben der Handvoll Antworten, die der Sonntag brachte, beschäftigte die Bewohner von Christchurch weiterhin die Frage, warum ausgerechnet Neuseeland das Anschlagsziel war. "Weder die Muslime, noch die anderen Religionen, haben sich hier jemals irgendetwas zu Schulden kommen lassen", sagte Ali, der wie alle über das Motiv des Attentäters rätselt. Wer am Sonntag den Zaun entlang des Botanischen Gartens, der sich zur größten öffentlichen Trauerstätte entwickelt hat, entlang ging, bekam jedoch schnell die Gewissheit, dass die Eintracht zwischen den Religionen in Neuseeland auch weiterhin ein wesentlicher Bestandteil der Landeskultur sein dürfte: "We stand with the muslim community" steht auf einem Schild, zu Deutsch etwa: Wir stehen der muslimischen Gemeinschaft bei. Auf einem anderen steht "New Zealand is about equality and freedom", Neuseelands Werte seien Gleichheit und Freiheit.

Die Schilder stehen inmitten der Tausenden Blumensträuße, die Anwohner abgelegt haben und mit der sie der Toten in ihrer Stadt gedenken.

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