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Attentäter in den USA:Worte, die töten

Durch die amerikanische Geschichte zieht sich ein Mythos: Seit Abraham Lincoln 1865 von einem Schauspieler erschossen wurde, sucht die Nation nach Attentaten reflexhaft in der Lektüreliste des Täters nach Erklärungen. Jared Lee Loughner, der Schütze von Arizona, las "Das kommunistische Manifest" und "Mein Kampf" - maßgeblich beeinflusst wurde er aber durch einen rechten Verschwörungstheoretiker.

Andrian Kreye

Es gibt kaum eine Figur, vor der sich die amerikanische Gesellschaft so fürchtet wie vor dem einsamen, belesenen Attentäter, der als Botschafter einer sinistren Unterwelt einen der Mächtigen ermordet. Die Furcht vor dieser Figur liegt in jenem historischen Abend des 14. April 1865 begründet, als John Wilkes Booth im Ford's Theater in Washington die Loge des Präsidenten Abraham Lincoln betrat, auf den größten Lacher in Tom Taylors Farce "Our American Cousin" wartete und dann während des Gelächters den Präsidenten aus nächster Nähe mit einem Schuss aus seinem Revolver tötete.

Booth war ein Schauspieler, der für seine Shakespeare-Rollen im ganzen Land bekannt war. In der erstaunlich umfassenden Geschichte der amerikanischen Attentäter ist er einer der wenigen, die halbwegs bei Sinnen waren. Er war als Mitglied einer Widerstandsbewegung der Konföderierten ebenfalls einer der wenigen Attentäter, die wirklich an einer organisierten Verschwörung teilnahmen.

Doch weil er der erste der Präsidentenmörder war, begründet seine Geschichte auch den Mythos. Und so suchte man fortan bei jedem politischen Attentat nach den literarischen Wurzeln und nach Netzwerken einer Verschwörung, um die Tat aufzuklären.

Dabei waren es Booths direkte Nachfolger, die den Typus des einsamen amerikanischen Attentäters prägten. 1881 ermordete Charles Giteau Präsident James Garfield, 1901 tötete Leon Czolgosz Präsident William McKinley. Giteau war ein Anhänger der eigentlich friedfertigen sozialistischen Oneida-Kommune, der sich an pseudo-religiösen Schriften versuchte.

Czolgosz gehörte zu den Anhängern der Anarchistin Emma Goldman. Beide beschäftigten sich lange mit politischen und theologischen Schriften, bevor sie eine wie auch immer geartete Berufung in sich verspürten, den amtierenden Präsidenten zu ermorden.

Die Suche nach den kulturellen Auslösern

Das Muster des Wahnsinnigen, der von Büchern und Texten, später auch von Filmen und Webseiten, den mörderischen Impuls bekommt, zieht sich durch die Geschichte der Attentäter. John Lennons Mörder Mark David Chapman war von Salingers Roman "Fänger im Roggen" besessen. John Hinckley, der im März 1981 versuchte, Präsident Reagan zu erschießen, war wiederum fanatischer Anhänger von Jodie Foster in Martin Scorseses Film "Taxi Driver". Und für den Bombenanschlag auf das Regierungsgebäude in Oklahoma City im April 1995 hatte Attentäter Timothy McVeigh ein Kapitel aus William Pierces rechtsradikalem Roman "The Turner Diaries" zum Vorbild genommen.

Nun sucht man im Leben von Jared Loughner nach den kulturellen Auslösern, die ihn zum Mörder machten. Seine Leseliste auf seiner Seite beim sozialen Netzwerk Myspace gibt nicht viel her. Da finden sich zwar "Das kommunistische Manifest" und Hitlers "Mein Kampf", aber ansonsten eher Schullektüre wie George Orwells "Farm der Tiere" und Hemingways "Der alte Mann und das Meer".

Viel aufschlussreicher sind da die Schriften des rechten Verschwörungstheoretikers David Wynn Miller, die Loughner verschlang. Miller behauptet, die Regierung habe die freien Bürger mittels Grammatik versklavt. Auch die amerikanische Währung sei ein Mittel der Unterdrückung. In wirren Satzfetzen konstruiert er eine neue Grammatik und fordert gleichzeitig ein neue Währung. Da formt sich eines jener Weltbilder, die nur die Gewalt als Ausweg sehen.

Welten liegen zwischen Shakespeares Brutus, Salingers Holden Caulfield und den "Quantum Math Communications" von Miller. Und doch haben all diese Texte verwirrte Geister zum Äußersten getrieben. Das wird ein Rätsel bleiben. Denn man wird die Auslöser immer erst hinterher bestimmen können, die einen Wahnsinnigen zum Attentäter machen.

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SZ vom 11.01.2011/mob
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