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Atomwaffen:Warum Nuklearwaffen plötzlich wieder eine Rolle spielen

Vor Atom-Gipfel in Washington

Wie man die Waffe beherrschen kann, muss offenbar jede Generation aufs Neue für sich selbst herausfinden (Archivbild einer Atomwaffentauglichen Mittelstreckenrakete Hatf-VI (Shaheen-2)).

(Foto: dpa)

Die Welt erlebt eine Art Renaissance des Nuklear-Denkens und schuld daran sind weder Donald Trump noch Wladimir Putin. Die Modernisierung alter Arsenale und mangelnde Rüstungskontrollen lassen eine alte Gefahr wiederauferstehen.

Robert Oppenheimer hat nicht nur die erste Atombombe entwickelt, er hat der Welt auch ein paar Warnungen und Weisheiten zum Umgang mit der Waffe hinterlassen. Zu ihnen gehört der Satz, dass - unter allen Errungenschaften und Blödheiten der Menschheit - die "Entdeckungen in den Naturwissenschaften zu den großen, epischen Erzählungen" gehörten. Der epische Charakter von Oppenheimers Erfindung liegt darin, dass diese Waffe die Menschen auf alle Zeit beschäftigen wird. Aus der Welt zu schaffen sind die Atombombe und das Wissen über sie jedenfalls nicht.

Diese Erkenntnis muss wohl aufgefrischt werden. 30 Jahre nach den aufwühlenden Debatten um Nach- und Abrüstung, nach dem Reykjavík-Gipfel zwischen Ronald Reagan und Michail Gorbatschow und dem INF-Vertrag, scheint die Erinnerung an die nukleare Bedrohung zu verblassen. Die über eine Generation gewachsene Gewissheit, dass eine Atombombe kein taugliches Kriegsgerät sein kann, wird von rationalen Akteuren der Weltpolitik zwar nicht infrage gestellt. Aber ihren Wert als Messinstrument für Stärke und Stabilität hat die Bombe nicht verloren.

Im Gegenteil: Gerade erlebt die Welt eine Art Renaissance des Nuklear-Denkens. Die Waffe spielt plötzlich wieder eine Rolle, wenn sich Weltmächte beäugen und über Bedrohung und Abschreckung nachdenken.

Schuld daran hat nicht Donald Trump, dem man höchsten anlasten kann, dass er hochkomplexe Fragen der nuklearen Doktrin in 140 Zeichen aus seinem Mobiltelefon pustet. Das ist so töricht wie gefährlich. Schuld daran ist auch nicht Wladimir Putin, obwohl dessen Nuklearbomber in Manövern Scheinangriffe auf die dänische Insel Bornholm fliegen.

Schuld haben - um es abstrakt zu sagen - Umstände und neue Gefahren. Die Umstände: Überall auf der Welt werden Nukleararsenale modernisiert, auch weil die alten Waffen zur Gefahr werden können. Mit der Modernisierung ist aber auch technischer Fortschritt verbunden - es gibt schnellere und präzisere Raketen, eine bessere Raketenabwehr, Täuschkörper, Sprengtechniken. Alles nicht schön, aber - siehe Oppenheimer - mit dieser Hypothek leben nicht nur die Physiker.

Die neuen Gefahren: Zwar hat sich die Nukleardoktrin unter US-Präsident Barack Obama gewandelt. Nicht mehr Abschreckung ist das oberste Ziel der Atomstrategie, sondern vor allem Stopp der Verbreitung - siehe Iran. Außerdem haben Russland und die USA 2010 einen neuen Abrüstungsvertrag geschlossen. Aber: Parallel dazu bereiten beide Seiten die Modernisierung ihrer Arsenale vor und halten mit sehr modernen taktischen Waffen (die eine begrenzte Einsatzmöglichkeit vorgaukeln) einen gefährlichen Dämon in der Hand. Russland übt bereits für diesen Krieg und soll taktische Waffen in Kaliningrad stationiert haben.

Es gehört zu den großen Nachlässigkeiten der Obama-Administration, aber auch der russischen (und der fleißig modernisierenden chinesischen) Regierung, dass kaum ein politischer Dialog diesen Umrüstungsprozess begleitet. So wachsen Misstrauen und die Gefahr einer Eskalation.

Trumps Atom-Gezwitscher könnte die segensreiche Wirkung haben, dass nun wieder Abrüstungs- und Rüstungskontrollgespräche beginnen. Sie kämen keine Minute zu spät. Oppenheimer wusste, dass nicht alle wissenschaftlichen Entdeckungen nützlich sein würden. Man hat die Atombombe entdeckt, weil man es konnte. Wie man die Waffe beherrschen kann, muss offenbar jede Generation aufs Neue für sich selbst herausfinden.

© SZ vom 24.12.2016/cag
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