Atomstreit:Etliche Verdachtsmomente gegen Iran

Heftig gestritten wird deswegen nicht nur über Inspektionen in der Zukunft, sondern auch über die Vergangenheit. Die Iraner nennen das "past and present issues", bei den Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) ist von "möglichen militärischen Dimensionen" die Rede. Auf 15 Seiten haben sie im November 2011 etliche der Verdachtsmomente aufgelistet, die dafür sprechen, dass Iran heimlich an der Entwicklung von Atomwaffen gearbeitet hat.

Wie soll die Welt Teheran glauben, wenn nicht klar ist, wie nahe das Regime der Bombe schon gekommen war? Olli Heinonen etwa, lange Jahre Chefinspektor der IAEA und einer der besten Kenner der dunklen Seiten des iranischen Atomprogramms, fordert, dass Teheran die IAEA in die Lage versetzen müsse "das gesamte Bild mit Blick auf die Besorgnis über militärische Dimensionen" aufzuhellen, also reinen Tisch zu machen mit der Geschichte.

Es gibt da die Fragen nach verdächtigen Aktivitäten auf dem Militärstützpunkt Parchin, wo iranische Wissenschaftler Komponenten für einen Sprengkopf getestet haben sollen - darunter eine Neutronenquelle, die in einem Sprengkopf die Kettenreaktion anheizt und letztlich dafür sorgt, dass ein Klumpen Metall ein Höllenfeuer von unvorstellbarer Energie entfacht. Auch wüssten die Inspektoren gerne, was denn ein führender Wissenschaftler aus dem sowjetischen Atomwaffenlabor Tscheljabinsk-70, Wjatscheslaw Danilenko, dort den Iranern beigebracht hat. Die offizielle Version, er habe nur an der Produktion von sogenannten Nanodiamanten gearbeitet, ist wenig glaubwürdig.

Nachdem die IAEA Zugang zu dem Gelände begehrte, rissen die Iraner dort Gebäude weg und trugen den Boden ab, so wie sie es 2003 schon mit einer anderen Anlage in Teheran getan hatten, dem Physics Research Center. Im Teheraner Stadtteil Lavisan musste es einem Park weichen, bevor die Inspektoren einen Blick in das mutmaßliche Zentrum der iranischen Bombenbastler werfen konnten. In Parchin gestatten die Iraner bis heute keinen Besuch.

Die Vergangenheit gesichtswahrend zu den Akten legen

Die Kontrolleure würden auch zu gerne mit Mohsen Fakhrizadeh reden, Revolutionsgardist und Physikprofessor, der als graue Eminenz des iranischen Atomprogramms gilt. In seinen Händen sollen alle Fäden der militärischen Aktivitäten zusammengelaufen sein - oder das noch immer tun. Er gilt als Kopf einer Gruppe von einst einigen Dutzend Wissenschaftlern, die im Kern an den verdächtigen Aktivitäten beteiligt gewesen sein sollen, bevor Iran nach Ansicht der US-Geheimdienste das Programm im Jahr 2003 einfror - wovon mancher europäische Dienst nie überzeugt war. Nicht zuletzt haben die klandestinen Einkäufer des Regimes Hunderte Spuren hinterlassen, die auf die Arbeit an Nuklearwaffen hindeuten.

Etliche der Informationen stammen ursprünglich von einem Iraner, der 2003 Daten über das geheime Atomprogram außer Landes schmuggelte. Der Mann, er hatte jahrelang den Bundesnachrichtendienst beliefert, wurde von den Iranern erwischt, angeblich als er versuchte, das Land zu verlassen. Seine brisanten Daten aber, die später als "Laptop des Todes" Furore machen sollten, fielen dann den Amerikanern in die Hände - die sie wiederum zumindest in Teilen der IAEA zur Verfügung stellten. Bis heute beharren die Iraner darauf, dass es sich bei den Dokumenten um plumpe Fälschungen handelt. Die IAEA dagegen hält sie für plausibel und hat viele der Informationen über die Jahre durch zusätzliche Quellen und eigene Recherchen bestätigt oder zumindest erhärtet, teils aber auch ergänzt.

Dabei gäbe es vielleicht einen Weg für Teheran, die Vergangenheit gesichtswahrend zu den Akten zu legen. Ruprecht Polenz, früher Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags und einer der besten deutschen Iran-Kenner, glaubt, dass die Iraner begannen an der Bombe zu basteln, nachdem der Irak sie im ersten Golfkrieg zwischen 1983 und 1988 mehrmals mit Chemiewaffen angegriffen hatte. "Die Iraner könnten es nachvollziehbar erklären, sie müssten sagen, wir haben eine Abschreckungskapazität aufgebaut."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema