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Atomstreit mit Iran:Uran-Anreicherung unter 90 Meter Fels

Was Israels Verteidigungsminister Barak "Zone der Unverwundbarkeit" nennt, ist der Hauptstreitpunkt in den neuen Atomgesprächen mit Iran: die unterirdische Anlage Fordo, in der Uran angereichert wird. Der Westen fürchtet, dass Teheran dadurch relativ schnell Atomwaffen herstellen könnte - eine Schließung lehnt das Regime jedoch strikt ab.

Nimmt man den Streit um den Austragungsort der neuen Atomgespräche der Vetomächte im UN-Sicherheitsrat und Deutschland (P5+1) als Maßstab, sind deren Erfolgsaussichten nicht besonders gut. Wochenlang hatte die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton mit Vertretern Teherans gerungen, bis ihr Büro am Sonntag bekanntgab, das Treffen finde kommenden Samstag in Istanbul statt.

Zwar wollten auch die Iraner die Gespräche genau dort abhalten, doch sahen westliche Staaten das skeptisch - die letzte Runde am Bosporus im Januar 2011 war ein Desaster. Irans Unterhändler Said Dschalili hatte die Diplomaten dort mit langatmigen Belehrungen brüskiert, wie sie mit Iran umzugehen hätten. Daher waren diesmal Orte in der Schweiz und in Österreich im Gespräch. Erst als US-Außenministern Hillary Clinton sich auf Istanbul festlegte, machten die Iraner plötzlich Bedenken geltend und brachten Peking und Bagdad als Alternativen ins Spiel.

Sowohl in Washington als auch in europäischen Hauptstädten versuchen Diplomaten jetzt, die Erwartungen an die Gespräche zu dämpfen. Man erwarte nicht, mit einem Abkommen abzureisen, heißt es jenseits des Atlantiks. Bei der ersten Runde gehe es darum, in einen Gesprächsprozess einzusteigen, bestätigt ein Regierungsvertreter diesseits des Atlantiks. Die Verhandlungen sollen dazu dienen, vertrauensbildende Schritte zu vereinbaren - und ein weiteres Treffen folgen zu lassen.

Entscheidende Themen für die westlichen Staaten sind die Anreicherung von Uran auf knapp 20 Prozent des spaltbaren Isotops Uran 235 und der Betrieb der unter einem Berg verbunkerten Anreicherungsanlage Fordo. Iran rechtfertigt die Produktion dieses Spaltmaterials mit dem Bedarf seines Forschungsreaktors in Teheran, hat aber bereits so viel Material auf dieses Niveau angereichert, dass es für mehr als zehn Jahre reichen würde.

Optimaler Ausgangsstoff für Atomwaffen

Zugleich wäre dieses Uran ein optimaler Ausgangsstoff, um es für Atomwaffen auf 90 Prozent anzureichern. Denn gut drei Viertel der nötigen Trennarbeit in den Zentrifugen ist wegen der physikalischen Besonderheiten bei der Anreicherung schon erledigt, wenn man das Uran auf 20 Prozent bringt. Damit verkürzt sich also die Zeit erheblich, die Iran bräuchte, den Bombenstoff zu erzeugen.

Iran hat diese Anreicherungsaktivitäten seit November verdreifacht und großteils nach Fordo verlegt - 90 Meter tief im Fels. Offenbar bezieht sich Israels Verteidigungsminister Ehud Barak darauf, wenn er vor einer "Zone der Unverwundbarkeit" redet, der sich das iranische Atomprogramm nähere. Die USA und ihre europäischen Verbündeten wollen laut New York Times von Iran fordern, diese Anlage auf einem früheren Stützpunkt der Revolutionsgarden sofort zu schließen und später zu demontieren.

Der Chef der Iranischen Atomenergieorganisation, Fereydoun Abbasi-Davani, deutete am Sonntag zwar an, Iran könnte die Produktion von höher angereichertem Uran stoppen, wenn es über ausreichend Material verfüge. Fordo aufzugeben sei allerdings "nicht logisch", weil die Anlage sich "durch nichts" von der Anreicherungsfabrik in Natans unterscheide. Am Montag stellte Außenminister Ali Akbar Salehi zudem klar, Teheran werde nicht akzeptieren, dass vor Gesprächsbeginn Ansprüche gestellt würden.

Das hört sich so wenig nach Kompromiss an wie der Streit um den Ort der Gespräche. Nur steht Iran diesmal unter größerem Druck: Die Sanktionen vor allem gegen den Energie-Sektor des Landes beginnen zu wirken. Und US-Präsident Barack Obama hat unmissverständlich klargestellt, dass diese Verhandlungen Irans letzte Chance sind, die Krise noch diplomatisch beizulegen.