Süddeutsche Zeitung

Atommüll-Transport nach Gorleben:Mehr als 1000 Castor-Gegner blockieren Gleise

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"Unsere Ausdauer ist gigantisch": Kurz vor dem Eintreffen des Castor-Transports an seinem Ziel kündigen die Demonstranten massiven Widerstand an. Mindestens 1200 Atomkraftgegner blockieren die Gleise, um den Zug zu stoppen. Fast 150 Menschen sollen bei Auseindersetzungen mit der Polizei verletzt worden sein. Aber auch wegen des starken Windes könnte sich die Ankunft in Gorleben noch weiter verzögern.

Bei Protesten gegen den Castor-Transport sind bis Samstagabend knapp 150 Verletzte gemeldet worden. Etwa 110 Demonstranten seien durch Schlagstock- und Reizgaseinsätze der Polizei verletzt worden, sagte eine Sprecherin der Rettungszentrale der Bürgerinitiative Umweltschutz in Dannenberg. Ein Demonstrant musste mit einer Platzwunde am Kopf und Verdacht auf Schädel-Hirn-Trauma ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Die Polizei vermeldete 35 verletzte Einsatzkräfte. Zudem seien 16 Polizeiwagen beschädigt worden. Mehrere Personen wurden festgenommen. Auch zwei Sanitäter sind den Angaben der Rettungszentrale zufolge verletzt worden.

Mehr als 1000 Atomkraftgegner blockierten vor der Ankunft des Castor-Zugs die Bahnstrecke im Wendland. Die Demonstranten setzten sich auf die Schienen, ein großes Polizeiaufgebot postierte sich an der Strecke. Die Blockierer wollen den Castor-Zug mit den elf Atommüll-Behältern so lange wie möglich aufhalten.

Die Initiative "WiderSetzen" zählte etwa 2000 Aktivisten auf den Schienen, die Polizei sprach allerdings nur von etwa 1200. Laut Augenzeugen schlossen sich ständig neue Aktivisten der Blockade an. Polizisten bilden eine Kette entlang der Bahngleise. Über die genaue Zahl der eingesetzten Beamten wollte sich die Polizei aus "taktischen Gründen" aber nicht äußern.

Die Stimmung an der Sitzblockade war ruhig. Jens Magerl, Sprecher von "WiderSetzen", sagte in Richtung der Polizei: "Von uns werden keine Steine geschmissen. Sie können sich entspannen!"

Auch die Polizei sehe zunächst von einer Sperrung und Räumung des Gleisabschnitts ab, sagt ein Sprecher. Zeitgleich versuchen zahlreiche Aktivisten weiterhin an mehreren Streckenabschnitten zu den Gleisen vorzudringen und sie zu besetzen, wie Polizei und Aktivisten bestätigten. Einige versuchten demnach weiterhin, Schottersteine aus dem Gleisbett zu entfernen, um eine Durchfahrt des Atommüll-Sonderzuges zu verhindern. Aktivisten zufolge wurden so bislang etwa 200 Meter Gleis unterhöhlt.

Im vergangenen Jahr hatten die Atomkraftgegner 20 Stunden auf den Gleisen bei Harlingen ausgeharrt, die Räumung durch die Polizei dauerte rund sechs Stunden. Da die Bahnstrecke an der blockierten Stelle eingleisig ist, kann der Castor-Transport den Abschnitt vor Dannenberg nicht umfahren.

Greenpeace-Aktivisten ketten sich an Gleisen fest

Unterdessen haben sich bei Lüneburg acht Greenpeace-Mitglieder an den Gleisen festgekettet. Die Atomkraftgegner protestieren nach Angaben der Umweltschutzorganisation damit gegen die "verlogene Atommüllpolitik der Bundesregierung". "Es geht der schwarz-gelben Bundesregierung einzig darum, Fakten zu schaffen, um Gorleben als Atomklo der Nation durchzusetzen", erklärte Greenpeace-Atomexperte Tobias Riedl. Auf einem Banner fordern die Aktivisten "Ausstieg aus Gorleben - Stopp Castor".

Kurz zuvor hatte der Konvoi mit den elf Atom-Behältern den Güterbahnhof Maschen südlich von Hamburg angesteuert. Der Zug fuhr am Samstag gegen 18.45 Uhr in den Verschiebebahnhof ein, der als einer der größten Europas gilt. Der Atommüll-Transport wurde bei seiner Ankunft von einem Polizei-Hubschrauber begleitet, der Bahnhof war für die Einfahrt weiträumig abgeriegelt worden. Der Castor-Zug muss in Maschen umgekoppelt werden und sein Personal wechseln, um schließlich in entgegengesetzter Richtung seine Fahrt fortsetzen zu können.

Wann der Castor-Transport Dannenberg erreichen wird, war unklar. Dort werden in der Verladestation die Behälter auf Lastwagen für die letzte Etappe ins Zwischenlager Gorleben umgeladen. Polizei und Protestierer bereiteten sich auf eine lange Nacht vor. Viele Demonstranten wollten - mit Strohsäcken und Wärmefolien ausgerüstet - stundenlang an den Gleisen ausharren.

Eine Verzögerung des Castor-Transports wegen stürmischen Wetters wird immer wahrscheinlicher. Von Samstagnacht an werden laut Deutschem Wetterdienst im Wendland Böen mit Windstärke sieben erwartet. Am Sonntag nehme der Wind sogar bis zur Stärke neun zu. Die Betreibergesellschaft GNS des Zwischenlagers in Gorleben bestätigte unterdessen am Abend erneut, dass der Atommüll dann erst einmal nicht verladen werden könnte.

Am Samstagnachmittag und -abend haben tausende Atomkraftgegner und mehr als 400 Bauern mit Traktoren in Dannenberg friedlich gegen den 13. Castor-Transport protestiert. Unter vielen gelben "Atomkraft Nein Danke"- und grünen "Gorleben soll leben"-Fahnen verlangten sie auf Transparenten einen Castor-Stopp und den Ausstieg aus dem Endlagerprojekt Gorleben.

Die Kundgebung, der zwei Auftakdemonstrationen vorausgegangen waren, verlief nach Angaben eines Polizeisprechers "rundum friedlich". Die Vorsitzende der Bürgerinitiative (BI) Lüchow-Dannenberg, Kerstin Rudek, sprach von 23.000 Menschen auf dem Kundgebungsplatz.

Die vielen Menschen und Traktoren zeigten, "dass die Anti-Atomkraft-Bewegung quicklebendig ist", sagte sie. Rudek forderte die Aufgabe des "rein politisch motivierte Endlagerprojekts Gorleben". Der Salzstock sei zur Atommülllagerung ungeeignet. Die BI-Vorsitzende Rudek bezeichnete den Transport wegen hoher Strahlenbelastung am Zwischenlager als illegal. Daher sei Widerstand dagegen Pflicht.

Die Polizei sprach vom "bis zu 8.000 Demonstranten und 400 Bauern mit Traktoren". Die "Bäuerliche Notgemeinschaft" zählte nach Angaben ihres Sprechers Carsten Niemann 452 mit Schleppern protestierende Landwirte.

Auf dem Kundgebungsplatz am Rand von Dannenberg bildeten die Demonstranten zunächst mit gelben Tüchern ein großes "X", das Protestsymbol gegen Atommülltransporte ins Zwischenlager Gorleben. Anders als bei der Großkundgebung gegen den Castor-Transport des vergangenen Jahres waren kaum Fahnen von Parteien oder Gewerkschaften zu sehen.

Mehrere Redner kündigten weitere Aktionen gegen die Atommülllieferung an. Jochen Stay von der Anti-Atom-Organisation "ausgestrahlt" warf der Polizei "Provokationen" durch harte Einsätze vor. "Aber wir lassen uns von Demonstrationen auf der Transportstrecke nicht abbringen. Wir werden viele sein, und unsere Ausdauer ist gigantisch", versicherte er.

BUND und DGB gegen Endlagerung in Gorleben

Der Vorsitzende des BUND, Hubert Weiger, kritisierte auf der Kundgebung den beschlossenen Atomausstieg als zu zögerlich. "Wir werden nicht hinnehmen, dass bis 2022 Atomkraftwerke laufen sollen", sagte er. Weiger dankte den AKW-Gegnern aus dem Wendland für ihr Engagement: "Ohne euren Einsatz wäre die Bundesregierung nicht gezwungen gewesen, die Laufzeitverlängerung zurückzunehmen", sagte er.

Wie das japanische Fukushima stehe auch Gorleben für die Risiken der Atomkraft, sagte Weiger weiter. Mit jedem Castor-Transport wachse in der Region der radioaktive Abfall, von dem jahrtausendelang unkalkulierbare Gefahren ausgingen. "Gorleben ist als Standort für ein Endlager ungeeignet und muss endlich aufgegeben werden", verlangte er.

Auch der niedersächsische DGB-Bezirksvorsitzende Hartmut Tölle sagte, ein Endlager Gorleben sei "politisch nicht durchsetzbar und geologisch gesehen ein Verbrechen". Der Atommüll im Zwischenlager müsse schnell wieder abtransportiert werden.

Die Japanerin Kanako Nishikata berichtete den Demonstranten über die Folgen der Atomkatastrophe von Fukushima für ihre Familie. Sie schilderte, wie sie mit ihren Kindern in geschlossenen Räumen und hinter Atemmasken leben musste, ohne dass die Kinder zum Spielen nach draußen konnten.

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