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Atomkraft-Gegner blockieren Transport:Castor kriecht auf den letzten Kilometern

Der Castor ist kurz vor seinem Ziel - doch Atomkraft-Gegner blockieren hartnäckig die Gleise und zwingen den Zug immer wieder zum Anhalten. Der bisher langwierigste Atommüll-Transport wird voraussichtlich erst am Montag in Gorleben eintreffen. Auf der letzten Etappe planen die Demonstranten weitere Aktionen.

Schwieriger Endspurt für den Castortransport: Der Zug mit Atomüllbehältern hat am Sonntagabend nach einer eineinhalbstündigen Pause den Bahnhof im niedersächsischen Dahlenburg verlassen. Dann fuhr er weiter Richtung Dannenberg, wo die elf Atommüll-Behälter für die letzte Strecke zum Zwischenlager in Gorleben auf Lkw verladen werden müssen. Doch beim nahegelegenen Hitzacker wartete das nächste Hindernis: Vier Atomkraftgegner der "Bäuerlichen Notgemeinschaft" blockierten mit einer etwa 600 Kilogramm schweren Betonpyramide die Schienenstrecke. Erst nach etwa 15 Stunden gaben sie die Blockade auf.

Castor-Transport

Castor-Gegner blockieren den Ortseingang von Gorleben.

(Foto: dpa)

Heftige Proteste und Gleisblockaden ließen den Zug den ganzen Tag über nur stockend vorankommen. Die Polizisten waren seit Samstagabend im Einsatz, um Tausende Demonstranten von den Schienen abzudrängen. Am Mittwochnachmittag hatte der Zug im französischen La Hague seine Fahrt begonnen, es ist der bisher langwierigste Castortransport. Der Atommüll wird voraussichtlich frühestens am Montagmorgen Gorleben erreichen.

Doch auch auf der letzten, 20 Kilometer langen Etappe auf der Straße bis zum Zwischenlager wird mit weiteren Protestaktionen gerechnet: Am Nachmittag hatten die ersten hundert Demonstranten die Straße am Ortseingang von Gorleben blockiert.

Die Lage ist auch an vielen anderen Stellen am Rande der Schienenstrecke äußerst unübersichtlich. Immer wieder gab es in den Waldstücken neue spontane Blockaden. Zudem griffen kleine Gruppen gewaltbereiter Castor-Gegner die Einsatzkräfte mit Steinen und Böllern an. Auch Journalisten wurden nicht verschont.

"Politische Brandstifterei"

Der Einsatz von Wasserwerfern und Schlagstöcken gegen Demonstranten löste erneut Streit über die Polizei-Strategie aus. Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth sagte: "Der Polizeieinsatz ist absolut überzogen. Er ist ein Anschlag auf die Demokratie." Roth und andere Delegierte wollen nach Abschluss des Parteitags in Kiel selber nach Gorleben fahren.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Stefan Müller, warf Roth daraufhin "politische Brandstifterei erster Klasse" vor. Sie schüre in "verantwortungsloser Weise Hass auf die Polizei und hetzt die Menge zu Gewalt gegen Beamte auf".

Die Gewerkschaft der Polizei wies Roths Vorwürfe zurück. Der Bundesvorsitzende Bernhard Witthaut erklärte, die Polizisten hätten die Verhältnismäßigkeit gewahrt und sich um Deeskalation bemüht. "Sie haben allerdings die Aufgabe, den rechtmäßigen Transport der Behälter in das Zwischenlager sicherzustellen", sagte er. Dazu dürften die Polizisten auch körperliche Gewalt einsetzen.

Bei den Protesten wurden bis Sonntagabend mehr als 200 Verletzte gemeldet worden. Bei etwa 160 Demonstranten handle es sich um Folgen der Schlagstock- und Reizgaseinsätze der Polizei, sagte eine Sprecherin der Rettungszentrale der Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz in Dannenberg auf Anfrage der dapd. Mindestens drei Demonstranten wurden demnach schwer verletzt. Die Polizei vermeldete 51 verletzte Einsatzkräfte, mehrere von ihnen seien dienstunfähig. Zudem seien 16 Polizeiwagen beschädigt worden. Mehrere Personen wurden festgenommen. Auch zwei Sanitäter erlitten den Angaben der Rettungszentrale zufolge Verletzungen.

© sueddeutsche.de/dpa/dapd/fran/jab/aho

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