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Endlagersuche:"Ich wollte die Jeanne d'Arc der deutschen Atommülllagersuche werden"

kostenloses Pressefoto von Annette Lindackers - Mitglied im Nationalen Begleitgremium für die Endlagersuche radioaktiver Abfälle

Annette Lindackers, 55, lebt mit ihrem Mann und drei Kindern im sächsischen Radebeul. Im November 2019 wurde sie als Bürgervertreterin in das Nationale Begleitgremium gewählt.

(Foto: Katja Wagner/Katja Wagner)

Wohin mit dem Atommüll? Annette Lindackers begleitet die Endlagersuche. Sie hofft, dass die Politik auf die Vorschläge aus der Wissenschaft hört.

Interview von Thomas Hummel

Deutschland ist auf der Suche nach einem Endlager für seinen Atommüll. 27 000 Kubikmeter hoch radioaktiver Abfall aus den Atomreaktoren muss untergebracht werden. Im Jahr 2031 soll der Bundestag über den Standort entscheiden, an dem das Endlagerbergwerk errichtet werden soll. Am Montag stellt die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) die Teilgebiete vor, in denen nach geologischen Kriterien ein Endlager grundsätzlich möglich wäre. Annette Lindackers, 55, ist Bürgervertreterin im Nationalen Begleitgremium (NBG), in dem 18 Frauen und Männer aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft den Prozess beobachten und, wenn nötig, vermittelnd eingreifen sollen.

SZ: Frau Lindackers, die Atommüll-Frage hat in Deutschland oft zu harten Konflikten geführt. Wie erleben Sie die aktuelle Debatte?

Annette Lindackers: Als ich im NBG angefangen habe, war ich Feuer und Flamme, wollte die Jeanne d'Arc der deutschen Atommülllagersuche werden. Ich wollte aufklären, erklären, Menschen einbeziehen. Ich habe aber schnell gemerkt, dass zu der Zeit kaum jemand interessiert war an dem Thema.

Das könnte sich an diesem Montag ändern.

Ich denke schon, dass es in den zur Wahl stehenden Gebieten unruhig wird. Ich bin in Göttingen aufgewachsen, das ist nicht weit weg von Gorleben, dort hat Deutschland intensive Erfahrungen mit Protesten gemacht. Die Anti-Atom-Bewegung sieht das Verfahren kritisch, das NBG als nicht sehr handlungsstark und nennt es zuweilen ein Feigenblatt. Dabei ist das Verfahren partizipativ, der Vorgang ist unpolitisch, er bewegt sich auf rein wissenschaftlicher Basis. Die Frage lautet: Welcher Ort ist am besten geeignet, den Atommüll für potenziell eine Million Jahre zu lagern?

Die bayerische Staatsregierung hat verkündet, ihr Bundesland sei generell ungeeignet. Kommunen in Sachsen erklärten, sie wollen nicht den Atommüll des Westens übernehmen. Was bewirken solche Einlassungen?

Für uns sind diese Aussagen kein Thema. Die Durchführung des Standortauswahlverfahrens liegt in der Verantwortung des Bundes. Wo auch immer nach wissenschaftlichen Erkenntnissen der beste Ort für den Atommüll sein wird - dort muss er dann auch hin.

Am Ende entscheidet aber der Bundestag. Ist es nicht eine Illusion zu glauben, der Vorgang wäre unpolitisch?

Das ist ein Problem, ich sehe das kritisch. Im Parlament werden Mehrheiten gesucht und da ist die wissenschaftliche Empfehlung möglicherweise nicht der entscheidende Faktor. Dann heißt es vielleicht nur: Hauptsache nicht bei uns! Dabei ist der Atommüll ein unangenehmes Problem, das alle Menschen in Deutschland betrifft. Wir haben ihn nun einmal produziert und jetzt muss er irgendwo hin. Wir können das ja nicht wieder auf unsere Kinder abwälzen.

In Schweden und Finnland haben sich mehrere Gemeinden für ein Endlager beworben, in Spanien feierte die Gemeinde Villar de Cañas 2011, als sie den Zuschlag für ein Zwischenlager erhielt. Rechnet jemand damit, dass so etwas auch in Deutschland möglich ist?

Davon gehe ich nicht aus. Allerdings entsteht ein großer, neuer Arbeitgeber am Ort, Ausgleichszahlungen werden geleistet. Bislang gibt es rund um das Thema Widerstand und Aufruhr. Dabei ist nun die Situation eine andere: Deutschland steigt im Gegensatz zu anderen Ländern aus der Atomkraft aus, wir wissen, wie viel hochradioaktive Abfälle wir haben. Wir müssen ihn nun irgendwo lagern und verschließen - dann ist es gut.

Sie sind Chemieingenieurin und arbeiten seit Jahren als freie Journalistin. Fühlen Sie sich nicht überfordert mit der Aufgabe?

Ich habe nicht den Anspruch, am Ende meiner Arbeit im NBG als Geo- oder Atomwissenschaftlerin rauszugehen. Im Gegenteil erhalte ich mir eine gewisse Naivität, denn ich vertrete ja die Bürgerinnen und Bürger des Landes und möchte, dass der Vorgang für jedermann verständlich erklärt wird.

Kritiker monieren, im NBG fehle der Sachverstand.

Wir wollen sicherstellen, dass der Prozess transparent abläuft und alle Regionen gleichbehandelt werden. Beispielsweise können vom NBG beauftragte unabhängige Geologen auch solche Ergebnisse der Endlagersuche einsehen, die aus rechtlichen Gründen geheim gehalten werden müssen, weil einzelne Daten mit privaten Rechten behaftet sind. Damit überbrücken wir diese Transparenzlücke.

Ich finde schon, dass wir etwas bewegen. Wir sind das erste Gremium dieser Art in Deutschland. Wir stehen für Teilhabe und Mitgestaltung. Gerade in meinem Bundesland Sachsen glauben viele, "die da oben" würden alles vorgeben, ohne Einblicke zuzulassen, wie Entscheidungen zustande kommen. Unser Gremium ist eine Chance, das Gegenteil zu beweisen. Unsere Arbeit ist bislang eher kleinteilig und ohne große Beteiligung der Öffentlichkeit. Ab diesem Montag wird sich vieles ändern.

Manche befürchten, es könnte sehr laut werden.

Ich habe Respekt und ein bisschen Bammel vor dem Widerstand. Mein Wunsch ist, dass wir friedlich zu einem Ergebnis kommen, dass der Widerstand nicht alles blockieren wird. Dass ich meinen Kindern nicht sagen muss: "Ich habe es nicht geschafft."

© SZ/leja
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