Atomkraft:Zankapfel an der Isar

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Atomkraft: Weithin sichtbar: Kühlturm des Kernkraftwerks Isar 2 nahe Essenbach bei Landshut. Rechts davon steht der abgeschaltete Block Isar 1.

Weithin sichtbar: Kühlturm des Kernkraftwerks Isar 2 nahe Essenbach bei Landshut. Rechts davon steht der abgeschaltete Block Isar 1.

(Foto: Armin Weigel/DPA)

Atomkraftwerke als Reserve für den Winter, so hatte sich das Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck vorgestellt. Den Unmut der Betreiber hatte er da nicht auf dem Zettel.

Von Michael Bauchmüller und Andreas Glas, Berlin

Still dampft er vor sich hin, der neue Problemfall von Robert Habeck. Isar 2, das Atomkraftwerk bei Landshut, ist im Endspurt, regulär soll es nur noch bis zum 31. Dezember laufen. Doch nun, auf seine alten Tage, wird das AKW noch einmal zum großen Streitfall. Briefe werden hin und her geschrieben, der Ton ist unfreundlich. Es geht um die Zeit nach dem 31. Dezember.

Nach Vorstellung des grünen Energieministers Habeck soll der Reaktor dann zu einer "Kaltreserve" werden. Technisch heißt das: Das Kraftwerk wird heruntergefahren, es erzeugt keinen Strom mehr, aber es wird in einem Zustand gehalten, in dem es binnen einer Woche wieder ans Netz kann. So ähnlich läuft das auch, wenn ein AKW für routinemäßige Kontrollen heruntergefahren wird. Doch Habeck will so über den Winter kommen. Zeichnen sich in Europa Engpässe beim Strom ab, soll Isar 2 auch über den 31. Dezember hinaus weiterdampfen, längstens bis Mitte April. Die Betreiberfirma, die Eon-Tochter Preussen Elektra, soll für diese Reservedienste entschädigt werden.

Doch die ist alles andere als einverstanden.

Am Mittwoch wird in Berlin ein Brief publik, geschrieben hat ihn Preussen-Elektra-Chef Guido Knott. Zu riskant sei das Vorhaben, technisch nicht machbar. Schließlich sei das Kraftwerk im Streckbetrieb. Die Brennstäbe sind bei so einem Streckbetrieb zum großen Teil verbraucht, mit dem letzten Rest wird noch Strom erzeugt. In so einem Fall sei "ein flexibles Anheben oder Drosseln der Leistung nicht mehr möglich", argumentiert er. Auch gebe es "keinerlei Erfahrungswerte", was das Wiederanfahren eines Kraftwerks im Streckbetrieb angeht. "Das Austesten einer noch nie praktizierten Anfahrprozedur sollte nicht mit einem kritischen Zustand der Stromversorgung zusammenfallen", schreibt Knott am Dienstag. Dergleichen sei "mit unserer Sicherheitskultur nicht vereinbar".

Die Antwort bekommt er am Mittwoch, sie ist nicht minder saftig. Absender ist Habecks Staatssekretär Patrick Graichen. "Mir scheint, dass es noch Missverständnisse gibt", bedeutet er, trotz aller vorab geführten Gespräche. "Ziel ist es, dass ein Abruf der Reserve mit ausreichendem Vorlauf erfolgt", schreibt er. Und auch gehe es nicht um flexibles Anfahren und Drosseln, "anders als es in Ihrem Schreiben suggeriert ist". Anders gesagt: Der Reaktor soll, wenn er denn gebraucht wird, noch ein paar Wochen vor sich hin dampfen, wie er es derzeit auch tut. Auch für das Problem des Streckbetriebs präsentiert das Ministerium eine Lösung: Der Reaktorkern ließe sich notfalls neu konfigurieren. In so einem Fall kann er noch etwas länger laufen.

Was, wenn Isar 2 einfach nicht mitmacht?

So stehen, keine vier Monate vor Beginn der Operation Winterreserve, Betreiber und Regierung unversöhnlich gegenüber.

Im Eon-Konzern hatten sie schon länger mit den Hufen gescharrt, sie wollten Klarheit über das weitere Geschick des Reaktors. Schließlich will das Aus eines Reaktors von langer Hand geplant sein, samt ersten Arbeiten für den Rückbau. Schon im Mai hatte Isar-2-Standortleiter Carsten Müller erklärt, dass er nur eine Laufzeitverlängerung von "drei bis fünf Jahren" akzeptieren würde. Selbst einen Weiterbetrieb von wenigen Monaten schloss er bei einer Expertenanhörung im Bayerischen Landtag kategorisch aus. "Das würden wir nicht mitmachen", sagte Müller. Von einem Reservebetrieb war da noch gar nicht die Rede.

Was also, wenn Isar 2 einfach nicht mitmacht? Drohpotenzial gibt es offenbar, Staatssekretär Graichen deutet es in seinem Brief an. "Nach meinem Kenntnisstand", schreibt er, "wurde für das AKW Isar 2 die letzte, üblicherweise einmal pro Jahr stattfindende Revision im Oktober 2021 durchgeführt." Angesichts des bevorstehenden Endes hätten sich die Betreiber diese Revision wohl gespart. Aber eigentlich, so steht es zwischen den Zeilen, wäre sie schon im kommenden Monat fällig. Nur mal so als Hinweis.

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