Kernkraftwerke:Belgischer Nachschlag

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Kernkraftwerke: "Nachhaltige Lösung": Frankreichs Präsident Emmanuel Macron setzt auf Atomkraft - hier der Eingang zum Reaktorgebäude im neuen AKW von Flamanville in der Normandie.

"Nachhaltige Lösung": Frankreichs Präsident Emmanuel Macron setzt auf Atomkraft - hier der Eingang zum Reaktorgebäude im neuen AKW von Flamanville in der Normandie.

(Foto: Sameer al-Doumy/AFP)

Deutschlands Nachbarland verlängert die Laufzeiten, nicht um ein paar Monate, sondern gleich um ein Jahrzehnt.

Von Karoline Meta Beisel

Was Deutschland seit Wochen diskutiert, ist in Belgien bereits geschehen: Am Freitag gab Premierminister Alexander De Croo bekannt, dass sich der belgische Staat und der Energiekonzern Engie im Grundsatz auf eine Laufzeitverlängerung für zwei Atomkraftwerke geeinigt haben. Ziel sei es, bis Jahresende zu einer endgültigen Einigung zu kommen, damit "angesichts der instabilen geopolitischen Lage ausreichend Elektrizität" zur Verfügung steht, schrieb De Croo auf Twitter. Statt wie ursprünglich geplant bis 2025 sollen die beiden Meiler nun bis 2035 in Betrieb bleiben.

Mit der vorläufigen Einigung setzt De Croo um, was seine Regierung bereits im März angekündigt hatte: Der Atomausstieg - im Grundsatz bereits im Jahr 2003 beschlossen - wird um zehn Jahre verschoben.

Auch ohne die Krise, die der russische Angriffskrieg in der Ukraine verursacht hat, stehe Belgien beim Umbau auf eine klimafreundliche Energieversorgung vor großen Herausforderungen. Das Land deckt seinen Energiebedarf zu einem großen Teil aus Öl und Gas. Für die Stromerzeugung jedoch ist die Atomkraft, die insgesamt sieben Kraftwerke an zwei Standorten produzieren, die wichtigste Energiequelle. Nun soll an beiden Standorten - Doel in der Nähe von Antwerpen und Tihange nahe der deutschen Grenze - je ein Meiler länger laufen als ursprünglich geplant.

Die Nachricht sorgte auch jenseits der Grenze für Aufmerksamkeit: Das Kernkraftwerk Tihange mit seinen drei Reaktorblöcken liegt in der Provinz Lüttich, gerade mal 65 Kilometer von der deutschen Großstadt Aachen entfernt. In der Vergangenheit wurden dort mehrmals Mängel festgestellt, etwa Haarrisse in den Reaktordruckbehältern. Dass es der jüngste der drei Meiler von Tihange ist, der weiterlaufen soll, dürfte die Nachbarn in Deutschland kaum beruhigen. Bei einem Störfall wäre Deutschland fast ebenso sehr betroffen wie Belgien, das zeigen Modellberechnungen.

Aber auch das Kraftwerk in Doel musste in der Vergangenheit bereits mehrmals wegen Pannen vom Netz genommen werden - und zuletzt wegen der anhaltenden Hitzewelle auf halbe Kapazität heruntergefahren werden. Es bestehe die Gefahr, dass ansonsten das Kühlwasser zu warm werde, teilte der Betreiber Engie mit, wie die Nachrichtenagentur Belga berichtete.

Frankreichs Kernkraftwerke haben gerade zu kämpfen - mit der Hitze

Auch in Frankreich wurden wegen der Hitze ein Dutzend Atomkraftwerke heruntergefahren. Andere bekamen Sondergenehmigungen, um heißeres Kühlwasser in die Flüsse ableiten zu dürfen, als eigentlich erlaubt, um im Minimalbetrieb weiterlaufen zu können. Weil wegen Mängeln oder Wartungsarbeiten auch andere Kraftwerke gerade nicht am Netz sind, konnten 29 der 56 französischen Atomkraftwerke nicht wie geplant für die Stromproduktion eingesetzt werden - Frankreich musste Strom importieren, obwohl es in den Sommermonaten sonst Energie an andere Länder abgibt.

Trotz dieser Schwierigkeiten setzt Staatspräsident Emmanuel Macron weiterhin auf die Atomkraft: Kernenergie sei eine "nachhaltige Lösung", sagte er am französischen Nationalfeiertag in einem Interview - das gelte für Frankreich, aber auch im Ausland.

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