AtomkonfliktDie Eiszeit ist doch nicht vorbei

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Gerade noch charmierten Kim und Trump einander. Nun werfen sich Nordkorea und die USA gegenseitig vor, die Vereinbarung von Singapur zu brechen.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Da schienen sich zwei gefunden zu haben: Nordkoreas Diktator Kim und US-Präsident Trump hofierten sich bei ihrem Treffen im Juni in Singapur.
Da schienen sich zwei gefunden zu haben: Nordkoreas Diktator Kim und US-Präsident Trump hofierten sich bei ihrem Treffen im Juni in Singapur. Evan Vucci/AP

Keine drei Monate ist das als "historisch" gefeierte Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump und dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un her, mit dem nichts weniger als der Frieden auf der koreanischen Halbinsel eingeleitet werden sollte. Nimmt man die jüngsten rhetorischen Geplänkel als Gradmesser, ist das Vorhaben nicht weit gekommen. US-Verteidigungsminister James Mattis verkündete, die USA hätten "derzeit keine Pläne, weitere gemeinsame Militärübungen mit Südkorea abzusagen". In den vergangenen zwei Jahrzehnten waren solche Manöver zweimal pro Jahr üblich, Nordkorea sah in ihnen stets einen "aggressiven Akt" - weshalb die USA sie nach dem Gipfel zwischen Trump und Kim zunächst aussetzen wollten. Trump sagte, er habe Kim versprochen, die "Kriegsspiele" einzustellen.

Mattis Begründung für die Aufhebung der Absage: Pjöngjang halte sich nicht an die Vereinbarungen, die Trump mit Kim getroffen habe. Insbesondere treibe es die Denuklearisierung nicht voran. Das Sinnieren über gemeinsame Militärübungen mit dem Süden ist allerdings bisher ein reines Gedankenspiel. Seoul und Washington hätten bisher überhaupt nicht über künftige Manöver gesprochen, kommentierte Kim Eui-kyeom, Sprecher des südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in, am Mittwoch die Aussagen von Mattis. Was schließlich sogar der selbst einräumte: Das Pentagon habe fürs kommende Jahr noch keine großen Manöver geplant, so der Verteidigungsminister. Mattis fügte noch hinzu, eine Entscheidung über neue Militärübungen würde zusammen mit dem Außenministerium getroffen.

Doch durch dieses hypothetische Hin und Her scheint Washington den Druck auf Kim verstärken zu wollen. Vergangene Woche hatte Trump die Reise seines Außenministers Mike Pompeo nach Pjöngjang platzen lassen - nur einen Tag, nachdem dieser sie angekündigt hatte. Angeblich, weil Nordkorea weiter Nuklearbrennstoff produziert, aber auch, weil Nordkoreas früherer Geheimdienstchef Kim Yong-chol, eine Schlüsselfigur in den Verhandlungen mit den USA, Pompeo einen "aggressiven Brief" geschrieben habe.

Nordkoreas Presse ist überzeugt: Trump will Frieden, wird aber von "Hardlinern" gebremst

Darin drehte der Nordkoreaner den Vorwurf der USA um: Es sei Washington, das sich nicht an die Vereinbarungen von Singapur halte, schrieb er. Dort soll Trump Kim versprochen habe, er wolle einen Friedensschluss einleiten. Anders als in Singapur vereinbart, so die Sicht Nordkoreas, forderten die USA nun die nukleare Abrüstung der Volksrepublik als Vorbedingung.

Es liegt wohl auch in der Erklärung von Singapur selbst begründet, dass die Lesarten zwischen den USA und Nordkorea so unterschiedlich ausfallen. Sie war kurz und offen formuliert, die angestrebte "Denuklearisierung" wurde nicht definiert. Was Trump und Kim im Vier-Augen-Gespräch sagten, weiß außer den beiden niemand. Kims Sprachrohr Rodong Sinmun schrieb kürzlich, in Washington tobe ein Richtungskampf zwischen Trump und Pompeo einerseits, die den Frieden wollten, und einer Hardliner-Fraktion. Die US-Medien dagegen meinen, Trump sei auf Kim hereingefallen. Dieser habe nie daran gedacht, nuklear abzurüsten. Viele halten den Entspannungsprozess für gescheitert.

In Peking und vor allem in Seoul nimmt man das alles anders wahr. Die beiden Koreas planen ihren nächsten Gipfel und verhandeln, wann sie ihr Verbindungsbüro in Kaesong eröffnen. Das innerkoreanische Tauwetter geht weiter. Zwar verfolgt auch Präsident Moon das Ziel, Nordkorea zu denuklearisieren. Aber er versucht das mit Vertrauensbildung zu erreichen statt mit Drohungen. Dazu sucht er zwischen Pjöngjang und Washington zu vermitteln.

Bis vor Kurzem schien dies auch zu klappen: Vor einem Jahr, auf dem Höhepunkt des Schlagabtausches zwischen Trump und Kim, rief die Propaganda junge Nordkoreaner am "Tag der Jugend" Ende August dazu auf, sie sollten "fünf Millionen Atombomben werden". Dieses Jahr heißt es, die Jungen sollten eine "starke Wirtschaft schaffen". Kims politische Rhetorik zumindest ist vom Kriegsgetrommel abgerückt.

© SZ vom 30.08.2018 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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