Tschernobyl: Das Leiden der Helfer:Piloten aus Afghanistan

Selbst Parteichef Michail Gorbatschow wurde erst spät über das wahre Ausmaß des Unglücks informiert - und zögerte selbst, diese Informationen weiterzugeben. Den Grund für Gorbatschows Lavieren nannte sein Biograph György Dalos in einem Interview mit sueddeutsche.de: "Die Sowjetbürger waren an schlechte Nachrichten nicht gewöhnt: In den Medien wurde nicht über Flugzeugabstürze und Naturkatastrophen berichtet."

Vor 24. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe -Denkmal

Ein Denkmal erinnert nahe der Sperrzone von Tschernobyl an die Hunderttausenden Liquidatoren.

(Foto: dpa)

Die Reaktion der Eliten in Moskau offenbarte die Ratlosigkeit: Man setzte Kriegsgerät ein, verlegte Jagdbomber und Hubschrauber in die Ukraine. Anders als in Japan brach man den Einsatz nicht ab, um die Piloten zu schonen - und auch unter ihnen waren viele Männer, die sich beweisen wollten und zuvor in Afghanistan im Einsatz gewesen waren.

Fahren oder nicht fahren? Fliegen oder nicht fliegen? Ich bin Kommunist, wie konnte ich nein sagen? Zwei Piloten haben sich geweigert, sie hätten junge Frauen, noch keine Kinder, man belachte sie, bestrafte sie. Die Karriere war im Eimer! Die männliche Ehre spielt ja auch noch eine Rolle! Das Ehrengericht! Es war auch Trotz dabei, verstehen Sie - er konnte nicht, aber ich gehe!

Die Liquidatoren kamen aus allen Sowjetrepubliken, aus Kasachstan, Armenien, Russland, der Ukraine oder Weißrussland. Wer Familie in Moskau oder St. Petersburg hatte, wusste noch am ehesten über die Gefahren der Radioaktivität Bescheid.

Doch gerade jene jungen Familien, die in die heutige Geisterstadt Pripjat gezogen waren, weil das "Tschernobyler Atomkraftwerk W. I. Lenin" Arbeitsplätze bot, blickten optimistisch in die Zukunft und waren voller Enthusiasmus. Diese heile Welt zerbrach für viele - besonders schlimm traf es die Feuerwehrleute, die zu den ersten gehörten, die den Unglücksort erreichten. Der Ehemann von Ludmila Ignatenko war einer von ihnen.

Sie versuchten, die Flammen zu löschen, schoben den brennenden Graphit mit den Füßen vom Dach ... Sie waren ohne die Segeltuchmonturen gefahren und hatten nur Hemd und Hose an. Man hatte ihnen nichts gesagt, sie waren zu einem normalen Feuerwehreinsatz geholt worden.

Die damals 23-Jährige folgte ihrem Wassili bis nach Moskau, wo er mit seinen Kollegen in einer Spezialklinik behandelt wurde. Einige Ärzte und Pfleger machen ihr deutlich, dass der Tod ihres Mannes unvermeidlich ist, doch Ludmila blieb bei ihm.

Sie war im sechsten Monat schwanger und glaubte weiterhin an die Kraft der Liebe, obwohl sich ihr Wassili, ein vor Kraft strotzender junger Mann, vor ihren Augen nahezu auflöste.

Ich habe das Laken jeden Tag gewechselt - abends war es blutgetränkt. Wenn ich ihn anhob, blieben an meinen Händen Hautfetzen von ihm zurück.

Ludmila Ignatenko, deren Tochter Natascha vier Stunden nach der Geburt starb, berichtet von einer großen Hilfsbereitschaft ihrer Bekannten, bei denen sie in Moskau wohnte. Alle Töpfe habe sie benutzen dürfen, um ihrem Mann und seinen Kameraden Essen kochen zu können. Die Angst und Skepsis in der Gesellschaft wächst: Die mehr als 300.000 Menschen aus den evakuierten Städten und Dörfern werden in separaten Wohnheime oder Siedlungen untergebracht.

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