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Atombunker:Deutscher Todestrieb im Kalten Krieg

Ian Klinke
Bunkerrepublik Deutschland

Ian Klinke: Bunkerrepublik Deutschland. Geo- und Biopolitik in der Architektur des Atomkriegs. transcript, Bielefeld 2019. 256 Seiten, 29,99 Euro.

(Foto: Transcript)

Der britische Geograf Ian Klinke stellt Analogien zwischen NS-Staat und BRD her.

Im Oktober 1966 zogen sich 1200 hohe bundesdeutsche Regierungsbeamte und Militärangehörige für 18 Tage hinter die dicken Stahltüren eines Bunkers im rheinischen Marienthal zurück. Dort spielten sie die Reaktion der Nato auf einen Angriff von Truppen des Warschauer Pakts durch. Im Verlauf der Übung Fallex 66 drängten die Deutschen ihre Nato-Partner zum Einsatz von Nuklearwaffen auf dem Gebiet der Bundesrepublik, die am Ende des Planspiels durch Hunderte Atomschlägen verwüstet war. In einer klugen Studie beschreibt Ian Klinke dieses nukleare Zerstörungsspiel als nationalen Selbstmord, der ihn an die letzten Tage in Hitlers Führerbunker erinnert. Der britische Geograf wählt einen neuen Zugriff zur Erklärung der paradoxen Logik des Kalten Krieges, der Stabilität mit der Drohung gegenseitiger totaler Vernichtung produzierte: Er erklärt die Politik des Atomkriegs mit deutschen Traditionen der Geo- und Biopolitik.

Dem an der Wende zum 20. Jahrhundert entwickelten Konzept der Geopolitik zufolge mussten Staaten im internationalen Konkurrenzkampf ein Territorium gewinnen und beherrschen. Staaten wurden als Organismen verstanden, die um ihr Überleben kämpften, Geopolitik und Biopolitik gehörten also zusammen. Im Dritten Reich kulminierte dieses Konzept in der Eroberung von Lebensraum im Osten. Doch nach seinem Ende sei, so die provozierende These Klinkes, die Verknüpfung von Geopolitik und Biopolitik nicht einfach verschwunden, sondern habe eine neue Form angenommen. Im Zeitalter der nuklearen Vernichtungsdrohung sei in der Bundesrepublik aus dem Kampf um Lebensraum die Suche nach Überlebensräumen geworden. Dies demonstriert er an zwei komplementären architektonischen Strukturen: Atombunker und Atomwaffenlager.

Statt Kampf um Lebensraum dominierte nach 1945 der Kampf um Überlebensräume

Als theoretischer Aussichtsturm in diesem betonierten Gelände dient Klinke vor allem Giorgio Agamben. Mit seiner Hilfe konstruiert er zahlreiche Analogien und Kontinuitäten zwischen Konzentrationslager und Luftschutzbunker im Dritten Reich sowie Atombunker und Atomwaffenlager in der Bundesrepublik. Gelegentlich fällt dies leicht, etwa im Falle des Bunkers in Marienthal: Dieser basierte auf einem Tunnelsystem, in dem seit 1943 Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald Abschusslafetten für V1- und V2-Raketen produziert hatten. Gewagter ist schon die behauptete Verwandtschaft der räumlichen Organisation der "Tötungsmaschine" Atomwaffenlager zum nationalsozialistischen Todeslager. Die Lager für taktische Atomwaffen zeigen für Klinke als "Räume der Selbstvernichtung eine Verwandtschaft zu der selbstmörderischen Politik" der Schlussphase des Dritten Reiches. Die verbindende Gedankenfigur lautet dabei Inversion. Mit ihrer Hilfe bringt er auch den Bunker in Marienthal mit den nationalsozialistischen Vernichtungslagern in Zusammenhang. So verweist er auf die "seitenverkehrte Ähnlichkeit" der zur "Dekontamination dienenden Duschen" in der Bunkerschleuse "zu den todbringenden Duschattrappen im nationalsozialistischen Vernichtungslager". Für Klinke war dieser Bunker letztendlich ein "versiegelter Sarkophag souveräner Macht, ein Raum ohne menschliches Leben, ein Raum ohne Volk."

Klinke lässt somit keine im Agambenschen Diskursraum mögliche Assoziation aus und scheut dabei nicht einmal vor der "Endlösung" zurück. Vorsichtshalber betont er, dass er keinen Vergleich oder gar eine Gleichsetzung von nationalsozialistischem Genozid und potentieller nuklearer Vernichtung beabsichtige. Vielmehr gehe es ihm um die genealogische Beziehung zwischen dem nationalsozialistischen Konzept des Lebensraums und dem bundesrepublikanischen Versuch der Schaffung eines Überlebensraums.

Klinke knüpft an Beobachtungen der DDR-Auslandsspionage an, die die spielerische Bereitschaft der Bonner Bunkerbesatzung zur atomaren Selbstzerstörung als geradezu libidinöses Phänomen beschrieb. Klinke übersetzt dies in Sigmund Freuds Interpretation der Verarbeitung traumatisierender Erlebnisse: "Mehr als nur eine Abschreckung im Sinne des Kalten Krieges war das Kriegsspiel Bonns eine zwanghafte Wiederholung des geo- und biopolitischen Traumas, das für den jungen Staat konstituierend gewesen war: die Vernichtung deutscher Städte durch die alliierten Bomberangriffe und die darauffolgende Einschränkung der Souveränität der beiden deutschen Staaten".

Die rituelle atomare Selbstzerstörung im Bunker in Marienthal spiegelt für Klinke gewissermaßen Hitlers Nero-Befehl aus dem eingekesselten Führerbunker. Als gemeinsames geo- und biopolitisches Erbe identifiziert er somit die thanatophile Idee, wonach das Volk dadurch bewahrt werden sollte, dass es auf den Tod ausgerichtet wurde. Hier wird es nicht nur arg bunt, sondern mitunter auch arg ungenau. So avanciert Walther Wenck, der General jener Geisterarmee, deren Entsatz Hitler zuletzt noch herbeisehnte, bei Klinke zugleich zu einem der Marienthaler Bunkerkommandanten. Tatsächlich hatte Wenck 1945 die von ihm kommandierte 12. Armee statt in den todessehnsüchtigen Endkampf um Berlin westlich in die rettenden Stellungen der US-Armee geleitet. Und nach 1945 zog er eine lukrative Karriere in der deutschen Rüstungsindustrie der ihm angetragenen Führung der Bundeswehr vor. Es lohnt sich also, in der von Klinke anregend aufbereiteten Geschichte bundesdeutscher Atombunker und Atomwaffenlager stärker nach den Alternativen zum deutschen Todestrieb Ausschau zu halten. Vielleicht hilft dies auch gegen die intellektuelle Lustangst an der Krise der liberalen Demokratie.

Constantin Goschler ist Professor für Zeitgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum.