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Gedenken an die Atombombenabwürfe auf Japan:"Selbstsüchtigen Nationalismus ablehnen"

Am 75. Jahrestag des ersten Abwurfs einer Atombombe wirbt der Bürgermeister von Hiroshima für ein Verbot von Nuklearwaffen. Wie sonst mit der Vergangenheit umgegangen werden soll, darüber ist man sich in Japan aber nicht einig.

Von Thomas Hahn, Tokio

Kazumi Matsui weiß, dass sein Amt eine besondere Verantwortung mit sich bringt. Er ist der Bürgermeister von Hiroshima, der Stadt, auf die am 6. August 1945 die erste Atombombe der Welt fiel. Zu seinen Aufgaben gehört es, das Gedenken der vielen Opfer wach zu halten, aber auch Zeichen für den Frieden zu setzen, gegen Atomwaffen und gegen Strömungen, aus denen verheerende Kriege entstehen können.

Gleichzeitig darf er nicht zu viel sagen über die Kriegsschuld Japans, weil das Land bis heute keine nachhaltige Einstellung dazu gefunden hat.

Keine leichte Aufgabe, aber am Donnerstag bei der Zeremonie zum 75. Jahrestag des Atombombenabwurfs der Amerikaner, hat Kazumi Matsui sie gut gelöst. Er erinnerte an die Grippe-Pandemie von 1918, die eine Welt im Krieg traf, und an die nationalistischen Bewegungen, die später zum Zweiten Weltkrieg führten.

Erinnerungszeremonie in Hiroshima

Hiroshiams Bürgermeister Kazumi Matsui (r) bei der Erinnerungszeremonie.

(Foto: PHILIP FONG/AFP)

"Wir dürfen es nie mehr zulassen, dass sich diese schmerzvolle Vergangenheit wiederholt", sagte Kazumi Matsui, "die Zivilgesellschaft muss selbstsüchtigen Nationalismus ablehnen und sich vereinen gegen alle Bedrohungen."

Es war eine würdige Zeremonie im Friedenspark von Hiroshima. Sie war etwas anders als in den vergangenen Jahren: Wegen des Coronavirus galten besondere Hygienebestimmungen, weniger Gäste waren da. Sie saßen mit mehr Abstand voneinander unter Zeltdächern vor dem Kenotaph für die Opfer der Atombombe. Außerdem gab es nur 880 Plätze, weniger als ein Zehntel als sonst.

Premierminister Shinzo Abe und die anderen Honoratioren trugen Masken, als sie ihre Kränze niederlegten. Und für Kazumi Matsui war die Pandemie der Anlass, daran zu erinnern, dass eine Welt nur so stark ist, wie sie in schwierigen Zeiten zusammenhält. In der Gesundheitskrise klang seine Friedensbotschaft wichtiger denn je. Denn im Streit werden die Nationen das Coronavirus bestimmt nicht unter Kontrolle bringen.

Unterschiedliche Auffassungen über die Lehren der Vergangenheit

Man hat rund um die Feierlichkeiten in Hiroshima trotzdem wieder spüren können, dass es unterschiedliche Auffassungen über die Lehren der Vergangenheit gibt. Die Gedenkzeremonie zum 6. August ist jedes Jahr ein internationales Ereignis, das einen Anlass bietet, über Geschichte und Aufarbeitung zu sprechen.

Trotz der Hygienebeschränkungen waren Vertreter aus 80 Nationen da, für Deutschland wohnte der Botschaftsgesandte Klaus Vietze der Zeremonie bei. Und Außenminister Heiko Maas nutzte die Gelegenheit, um in einer Grußbotschaft das Gedenken in den größeren Zusammenhang des Zweiten Weltkrieges zu rücken.

"Die Welt darf nie vergessen, was in Hiroshima und wenige Tage später in Nagasaki geschehen ist - und weshalb", schrieb Maas, "Verstrahlung, Tod, Krankheit, Elend - all das waren die Folgen eines von Nationalismus und Militarismus angefachten Kriegs, entfesselt von Deutschland und Japan." Es war eine angemessene Botschaft. Allerdings auch eine, die man von japanischen Regierungsvertretern so nicht mehr hört.

Japans rechtskonservativer Premierminister Shinzo Abe warb natürlich auch für Frieden in seiner Ansprache. Er sagte, jedes Land müsse "ein Gefühl von Misstrauen abwenden durch gemeinsames Engagement und Dialog". Aber das war wieder eine Forderung an die Welt, für die Japan selbst kaum Voraussetzungen schafft.

Dass der Bürgermeister Kazumi Matsui vor nationalistischen Tendenzen warnte, war schon fast ein Affront gegen die Abe-Partei LDP, die ihn 2011 vor seiner ersten Wahl zusammen mit der buddhismusnahen Komei-Partei unterstützt hatte. Denn gerade unter Abe hat sich die LDP von einer konservativen Partei in ein Sammelbecken strammer Nationalisten entwickelt. Sie ist beeinflusst von der rechtsradikalen Organisation Nippon Kaigi, die sich vor 23 Jahren gründete, um das aufzuhalten, was sie einen Linksruck nennt.

Von der Kriegsschuld des verehrten Kaiserreiches will sie nichts wissen, ihr Ziel ist der "Aufbau eines stolzen Landes". Sie ist eng verwoben mit dem Verband der Shinto-Schreine, der die exklusive Japan-Religion Shinto pflegt. Es sieht so aus, als seien die Strömungen, die Japans Militarismus einst begünstigten, recht lebendig im Inselstaat dieser Tage.

Abe will von reiner Verteidigung auf einen First-Strike-Ansatz umstellen

Shinzo Abe selbst arbeitet seit Jahren daran, die Verfassung zu ändern, mit der die Amerikaner Japan nach dem Zweiten Weltkrieg auf eine reine Verteidigungsarmee festlegte. Zuletzt war die Rede von einer "neuen Richtung" in der Sicherheitspolitik: Von reiner Verteidigung will Abe auf einen First-Strike-Ansatz umstellen, damit Japan aktiv gegen Feinde vorgehen kann, die sich für Angriffe in Position bringen.

Die Zeitung Asahi Shimbun zitiert einen nicht genannten hochrangigen Regierungsbeamten mit den Worten: "Der Premierminister hat von Anfang an geglaubt, dass Japan seine Abschreckung durch Angriffsfähigkeit verstärken muss."

Die ganze Welt wirkt nicht besonders ausgeglichen gerade, und als Nachbar der drei Atommächte China, Russland und Nordkorea wirkt Japan grundsätzlich etwas nervös. Am Dienstag hat Verteidigungsminister Taro Kono der chinesischen Regierung gedroht, Japans Selbstverteidigungskräfte würden reagieren, wenn chinesische Schiffe weiterhin so aktiv die Gewässer um die Senkaku-Inseln im Ostchinesischen Meer kreuzten, die China Diaoyu nennt und ganz für sich beansprucht.

Das passt alles nicht zu den Mahnungen, die von der Friedenszeremonie in Hiroshima ausgingen. Kazumi Matsui gibt trotzdem nicht auf, seine Pflicht als Bürgermeister von Hiroshima zu tun. Auch am Donnerstag forderte er Abe wieder dazu auf, Japan solle endlich den UN-Vertrag zum Verbot von Atomwaffen ratifizieren. Dabei ist klar, dass Shinzo Abe das nicht tun wird.

© SZ vom 07.08.2020

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