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Hiroshima und Nagasaki:Der Schrecken bleibt

Nach der Bombe: was von Hiroshima übrig blieb.

(Foto: U.S. Air Force via AP)

Die Atombombenabwürfe vor 75 Jahren auf die beiden japanischen Städte brachten die Menschheit zur Vernunft. Doch nur vorläufig: Heute wird ein Nuklearkrieg wieder wahrscheinlicher.

Kommentar von Hubert Wetzel, Washington

Die amerikanischen Bomben hatten lustige Namen. "Little Boy" hieß die eine, die am 6. August 1945 die japanische Stadt Hiroshima traf. "Fat Man" hieß die andere, die drei Tage später auf Nagasaki abgeworfen wurde. Kleiner Junge und fetter Mann. Doch die Zerstörung, die diese Atombomben anrichteten, die ersten und einzigen, die je eingesetzt wurden, war beispiellos. Zwei Bomben, zwei zertrümmerte Städte, ausradiert binnen weniger Minuten durch eine Druckwelle und einen Feuersturm, Hunderttausende Tote und Verletzte - eine solche Verheerung hatte der Mensch noch nie über andere Menschen gebracht.

Robert Oppenheimer, der Leiter des US-Atomwaffenprogramms, erzählte später, er habe, als er kurz vor dem Abwurf der Bomben den ersten Test dieser neuen Waffe in der Wüste von New Mexico beobachtet hatte, an einen Vers aus der Bhagavad Gita gedacht: "Jetzt bin ich zum Tod geworden, der Zerstörer der Welten."

Immerhin, ein weiterer Abwurf konnte vermieden werden

Das ist 75 Jahre her. Und es gehört bis heute zu den bemerkenswertesten Leistungen der Politik, dass ein zweites Hiroshima, ein zweites Nagasaki seitdem verhindert worden ist. An Material und Gelegenheiten hätte es nicht gemangelt. Die Sowjetunion und die USA besaßen im Kalten Krieg Zigtausende Nuklearsprengköpfe. Jede Krise irgendwo in der Welt, jeder Zusammenprall der Blöcke, jedes dumme Missverständnis hätte zu einem atomaren Schlagabtausch eskalieren können, an dessen Ende die Auslöschung der Menschheit gestanden hätte.

Es gab in diesen 75 Jahren in Washington und Moskau durchaus Generäle und Politiker, die ernsthaft glaubten, ihr Land könne einen Atomkrieg führen und "gewinnen". Aber es gab auf beiden Seiten zum Glück genügend andere Verantwortliche, die wussten, wie absurd diese Idee war. Sie hatten im August 1945 in den Abgrund gestarrt, in den ein Atomkrieg die Menschheit stürzen würde und aus dem es keinen Weg zurück gäbe.

Das führte zu einer paradoxen Lage: Militärisch gesehen sind Atombomben die machtvollsten Waffen, die je entwickelt wurden. Doch gerade deswegen dienten sie im Kalten Krieg nur einem politischen Zweck: dem Erhalt der Machtbalance zwischen West und Ost. Atomwaffen wurden mit dem Ziel gebaut, dass sie nie eingesetzt werden, sondern ihre Wirkung rein durch Abschreckung entfalten. Das war eine bizarre, aber in sich geschlossene und letztlich vielleicht rettende Logik.

Unterfüttert wurde diese Logik durch zwei Dinge. Zum einen gab es ein Geflecht von Verträgen, das der Aufrüstung Grenzen setzte und die Verwundbarkeit beider Seiten garantierte, um das Prinzip der Abschreckung zu erhalten. Zum anderen blieb die Zahl der Atomwaffenstaaten überschaubar. Beides hat sich in den Jahrzehnten seit dem Ende des Kalten Kriegs fundamental geändert. Dass die Menschheit in den vergangenen 75 Jahren einem Atomkrieg entgangen ist, bedeutet daher nicht, dass das auch in den kommenden 75 Jahren so sein wird.

Die vertragliche Rüstungskontrolle bröckelt

Washington und Moskau haben in den vergangenen Jahrzehnten zwar Tausende Atomwaffen verschrottet. Aber die vertragliche Rüstungskontrolle zwischen beiden Ländern zerbröckelt langsam. Abkommen mit Kürzeln wie ABM, INF oder START, die zumeist nur Fachleute kennen, die aber trotzdem überlebenswichtig waren, wurden gekündigt oder stehen auf der Kippe. Das ist sehr gefährlich. Denn warum soll sich der Rest der Welt bei der Atomrüstung an Regeln und Beschränkungen halten, wenn die beiden größten Nuklearstaaten das nicht tun?

Noch beunruhigender ist, dass immer mehr Länder Nuklearwaffen haben oder danach streben. Der Traum von einer atomwaffenfreien Welt, den der damalige US-Präsident Barack Obama 2009 in einer Rede in Prag beschwor, hat sich als genau das herausgestellt - als Traum. Die Realität ist finster: Überall wird gerüstet. Die alten Atommächte, Amerika und Russland, modernisieren ihre Arsenale. Die jüngeren, darunter China und Nordkorea, vergrößern ihre. Iran schleicht wieder auf die Bombe zu, mit unabsehbaren Folgen für den Nahen Osten.

Und man muss ja kein strategisches Genie sein, um zu erkennen, was der Besitz von Atomwaffen politisch und militärisch in der Praxis wert sein kann: Der Atomwaffenstaat Russland darf das Nachbarland Ukraine filetieren, das seine Bomben abgegeben hat. Nordkoreas atomar bewaffneter Diktator Kim Jong-un schreibt sich mit Präsident Donald Trump Liebesbriefe, während Irans (noch) nicht atomar bewaffnetes Regime unter dem Druck aus Washington ächzt. Welche Lehre sollen die Despoten dieser Welt daraus ziehen, wenn nicht diese: Verschafft euch eine Atombombe, dann seid ihr sicher.

Aber das ist die falsche Lehre, sie ist so irreführend wie die harmlos klingenden Namen, die Oppenheimer und seine Ingenieure vor 75 Jahren ihren neuartigen Todesapparaten gegeben haben. Die Wahrheit findet man in Hiroshima und Nagasaki zwischen den Gräbern.

© SZ vom 06.08.2020/kit

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