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Atombetriebener Raketenkreuzer:"Er kann uns jeden Moment um die Ohren fliegen"

Mit diesen Worten hat der russische Marinekommandeur Wladimir Kurojedow den schlechten Zustand von Russlands größtem atomgetriebenen Raketenkreuzers beschrieben - um kurz darauf zu behaupten, die atomare Sicherheit auf dem Kreuzer sei vollkommen gewährleistet.

Russlands modernster Raketenkreuzer, "Pjotr Weliki" (Peter der Große), sei "in einem solchen Zustand, dass er uns in jedem beliebigen Moment um die Ohren fliegen kann. Das ist besonders gefährlich, weil er mit Atomreaktoren ausgestattet ist", sagte Kurojedow am Dienstag in Moskau nach Angaben der Agentur Interfax.

Verwirrung um den Raketenkreuzer "Peter der Große"

(Foto: Foto: dpa)

Der Flottenchef hatte den Kreuzer "Peter der Große" am vergangenen Mittwoch besichtigt, als das Schiff an einem Militärmanöver in der Barentssee beteiligt war. "In den Bereichen des Schiffs, in denen sich die Admiräle bewegen, ist alles in Ordnung. Aber dort, wo sie nicht hinsehen, ist das Schiff in einem derart schlechten Zustand, das es jederzeit explodieren kann," hatte Kurojedow gesagt. Dies betreffe auch den Atomreaktor.

Später bestritt Kurojedow eine solche Gefahr unter dem Hinweis, die atomare Sicherheit auf dem Kreuzer sei vollkommen gewährleistet.

Nach Angaben des Flottenchefs soll der 1998 in Dienst gestellte Raketenkreuzer mit einer Wasserverdrängung von 26.000 Tonnen und mehr als 700 Mann Besatzung jedoch für zwei Wochen im Hafen bleiben, damit "alle Unzulänglichkeiten" beseitigt werden können. In welchem Hafen sich die "Peter der Große" zur Reparatur befindet, sagte er nicht. Heimathafen des Schiffes ist Seweromorsk in der Nähe der nordrussischen Stadt Murmansk an der Barentssee.

Gefahr ist gering

Nach Ansicht eines britischen Marineexperten ist die Gefahr einer Explosion trotz einiger kleinerer Schäden auf dem Panzerkreuzer tatsächlich gering. Die alarmierenden Äußerungen Kurojedows sind russischen Militärkreisen zufolge eher die Reaktion auf Kompetenzstreitigkeiten an der Marinespitze.

Stephen Saunders, Herausgeber der renommierten Marinefachzeitschrift Jane's Fighting Ships, gab an, er halte die Äußerung des Flottenchefs für übertrieben. Es gebe vermutlich zahlreiche kleinere Sicherheitsvorkehrungen zu verbessern, aber "nichts, was mit der Sicherheit des Nuklearreaktors" zu tun habe, sagte Saunders.

Flottenchef wollte möglicherweise Aufmerksamkeit erregen

Mit der Rückholaktion habe der Flottenchef möglicherweise die Aufmerksamkeit der Regierung in Moskau erregen wollen, um zustätzliche Geldmittel für die Marine locker zu machen. In Kreisen der Marineführung wurde die Rückholaktion des größten russischen Atomkreuzers dagegen als Ausdruck eines Streits an der Flottenspitze gewertet.

Wie die Zeitung Kommersant unter Berufung auf Militärquellen berichtete, ist der Kommandant des Panzerkreuzers, Wladimir Kassatonow, mit einem Admiral verwandt, der den Flottenchef in den vergangenen Monaten heftig kritisiert hatte. Igor Kassatonow hatte die Führungsqualität Kurojedows in Frage gestellt. Hintergrund war der Untergang des U-Bootes K-159 im August 2003.

Der Kreuzer "Peter der Große" ist der größte nukleargetriebene Panzerkreuzer der Welt. Noch im Vorjahr war der Kreuzer als modernstes Schiff der russischen Nordflotte bezeichnet worden.

Allerdings begleiteten eine Reihe von technischen Problemen und Unfällen die Fahrten des mehr als 250 Meter langen Schiffes. Bei der schlimmsten Panne, dem Bruch einer Dampfröhre, wurden drei Soldaten getötet.

Schwierigkeiten bereits während der Testfahrt

Der Panzerkreuzer wurde 1996 in Gebrauch genommen, obwohl es bereits auf Testfahrten zahlreiche Schwierigkeiten gegeben habe, wie Igor Kassatonow sagte. Zehn Jahre lang hatte "Peter der Große" zuvor unfertig im Dock gelegen. Grund dafür waren fehlende Finanzmittel. In Russland leiden die Marine und auch die anderen Teilstreitkräfte unter akutem Geldmangel.

Die Nordflotte und auch Admiral Kurojedow stehen seit Jahren in Russland in der Kritik. Im August 2000 war in der Barentssee das Atom-U-Boot "Kursk" durch die Explosion eines eigenen Torpedos zerstört worden. Alle 118 Mann Besatzung kamen damals ums Leben. Hinterbliebene der Opfer werfen der Marineführung bis heute vor, die wahren Umstände der Tragödie zu verschleiern.

Im August war ein ausgemustertes U-Boot der Nordflotte bei der Schleppfahrt zur Abwrackwerft in der Barentssee gesunken. Dabei ertranken neun Matrosen an Bord.

Zuletzt hatte Kurojedow im Februar 2004 bei einem misslungenen Manöver der Atomstreitkräfte für Verwirrung gesorgt. Im Beisein von Präsident Wladimir Putin war der Abschuss zweier Interkontinentalraketen von Bord eines Atom-U-Boots missglückt.

Kurojedows Erklärung, die Starts sollten lediglich simuliert werden, wurden von westlichen und russischen Militärexperten mit Verweis auf die Anwesenheit des Oberbefehlshabers Putin bei dem Manöver als "wenig glaubwürdig" bezeichnet.

© AFP/dpa
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