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Asylverfahren:"Beim Bamf kann eigentlich jeder als Dolmetscher arbeiten"

Etwa 3100 Dolmetscher beschäftigt das Bamf momentan auf freiberuflicher Basis. Von Bewerbern verlangt die Behörde weder die Zugehörigkeit zu einem Berufsverband noch Nachweise über ihre Fähigkeiten. Einzig erforderlich ist eine selbsteingeschätzte "Sprachsicherheit in Wort und Schrift", wobei die Webseite des Bamf bis vor wenigen Monaten "Schrift" nur als "wünschenswert" aufführte.

Die Sprachkenntnisse werden "im Rahmen der Honorarvereinbarungen" und "der ersten Einsätze vor Ort geprüft", heißt es in einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine kleine Anfrage der Grünen. Das bedeutet, gute Chancen auf einen Auftrag hat, wer sein Gehalt auf Deutsch aushandeln kann und den (deutschsprachigen) Mitarbeiter des Bamf in den ersten Tagen von seinem Können überzeugt. Angemessene Qualitätskontrollen gibt es nicht. "Beim Bamf kann eigentlich jeder als Dolmetscher arbeiten", schreibt die Grünen-Bundestagsfraktion dazu.

Sind flexible Einsatzmöglichkeiten und geringe Gehaltsvorstellungen für das Bamf wichtiger als sprachliches Können? Während ein Dolmetscher vor Gericht mit 70 Euro pro Stunde nach Tarif bezahlt wird, liegt der durchschnittliche Satz des Bamf zwischen 25 und 32 Euro. Die geringen Anforderungen des Amtes machen das System anfällig für Fehler, besonders bei der Asylanhörung, jenem Gespräch, das maßgeblich über Anerkennung des Asylantrages entscheidet.

Es komme häufig vor, dass bei der Nachkontrolle von Anhörungsprotokollen Fehler entdeckt würden, sagt Stefan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat. Anwältin Anna Toth spricht davon, dass in rund der Hälfte der Fälle Aussagen von Asylbewerbern im Protokoll nicht richtig wiedergegeben sind oder ganz fehlen. Immerhin, das Bundesamt plant derzeit eine Schulung für Dolmetscher zum Thema "Neutralität und Professionalität im Asylverfahren". Dass es Laien-Dolmetscher auch sprachlich weiterbilden will, davon spricht das Bamf nicht.

Wie hoch ist die Qualität der Bamf-Dolmetscher wirklich? Rayana Fakhri ist einst selbst aus Afghanistan nach Deutschland geflohen und arbeitet in Norddeutschland als Dolmetscherin für das Bundesamt. Sie berichtet von Kollegen, die in ihrer Muttersprache nicht richtig lesen und schreiben könnten. Außerdem kenne sie drei Bamf-Dolmetscher, die das afghanische Dari nicht gut genug sprächen. "Es wird zu wenig kontrolliert." Solche Kontrollen fordert deshalb auch Pro Asyl. Das Bamf solle regelmäßig Sprachkundige in die Anhörungen setzen, um die Qualität des Gedolmetschten zu überprüfen.

Wenn Asylbewerber Dolmetscher um Hilfe bitten, haben manche Mitleid

Durch die hohen Flüchtlingszahlen sucht die Behörde händeringend nach Dolmetschern für Sprachen wie das afghanische Dari oder die eritreische Sprache Tigrinya. Für beide gibt es keine Ausbildungsgänge in Deutschland. Woher also professionelle Dolmetscher nehmen? Der "Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer" führt nur zwei Tigrinya-Dolmetscher. Wie gut all die anderen ausgebildet sind, die für das Bamf arbeiten, ist schwer zu sagen. Auch, wie sehr sie die Regeln der Neutralität befolgen.

Manipulationen gibt es offenbar nicht nur zum Nachteil der Flüchtlinge, sondern auch zu ihrem Vorteil. Rayana Fakhri erzählt, wie schwer es Dolmetschern mitunter falle, neutral zu bleiben, wenn es für Landsleute um alles oder nichts geht. "Viele Flüchtlinge sehen ihren Dolmetscher als Retter an", sagt sie. Sie habe diese Erfahrung bei der Asylanhörung selbst gemacht. Da heiße es von den Asylbewerbern: "Ich verlasse mich auf dich", oder, "Du hilfst mir doch, wenn ich etwas falsch mache?" Anfangs waren ihr Mitleid groß und ihre Nächte schlaflos, Neutralität sei ihr schwergefallen. "Trotzdem darf ich niemandem helfen. Ich übersetze Wort für Wort, dann sind einige am Ende natürlich enttäuscht." Aber nicht alle könnten zwischen Mitgefühl und neutralem Arbeitsauftrag trennen. "Ich kenne drei Kollegen, die Flüchtlingen dann helfen", sagt Fakhri.

Hikmat Al-Sabty, Mitglied beim Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer und Abgeordneter der Linken im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, sagt: "Man muss da knallhart trennen." Er ist in den Achtzigerjahren aus dem Irak nach Deutschland geflohen. Auch er wurde über die Jahre mehrmals während Anhörungen um Hilfe gebeten. Al-Sabty sagt, er habe jedes Mal abgelehnt. "Es gibt Kollegen, die sagen am Anfang so eines Gesprächs: 'Wir kriegen das hin. Du sagst, was du nicht weißt, und ich helfe dir.'"

© SZ vom 01.09.2016/pamu
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