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Asylbewerber in Deutschland:Die Bewohner leiden unter der Perspektivlosigkeit

Es seien gar nicht einmal viele, die Probleme machten, meint Gordon Dresel, der für das Rote Kreuz die Sozialarbeit im Heim organisiert. Die allermeisten Bewohner leiden selber unter den Verhältnissen, unter der Enge, dem Schimmel, der in den Gemeinschaftsduschen blüht, und der Perspektivlosigkeit.

Dresel und seine Mithelfer haben eine Bibliothek eingerichtet und Gruppenräume, sie bieten Kinderbetreuung an, Schwimmkurse, ein Männercafé, Frauennähkurse, Hilfe bei Behördengängen. "Aber Integration ist hier natürlich kaum möglich", sagt Dresel. Er könne sogar verstehen, dass viele Bürger kein Flüchtlingsheim in ihrer Nachbarschaft haben wollen: "Die bestehenden Heime sind eine absolut schlechte Werbung."

Die Leichtbau-Häuser neben dem Regierungspräsidium stehen schon seit Anfang der Neunzigerjahre da, obwohl sie nur für eine Lebensdauer von zehn, allerhöchstens zwanzig Jahren ausgelegt sind. Doch da das Land das Grundstück nicht hergibt, will die Stadt hier nichts Dauerhaftes bauen. Wenigstens neue Container mit Toiletten und Bädern möchte Hein nun an die abgewohnten Häuser andocken lassen. Auf den rapiden Anstieg der Flüchtlingszahlen war Freiburg genau so wenig vorbereitet wie andere Kommunen, das gibt Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach (SPD) zu: "Alle haben gehofft, dass es so bleibt, wie es war."

Der Appell des Oberbürgermeisters brachte ein "überschaubares" Ergebnis

Davon, dass es "natürlich besser wäre, wenn die Leute in eigene Wohnungen ziehen könnten", ist auch der städtische Wohnraummanager Hein überzeugt. Nur: Woher nehmen? Erst im Mai hat sich der grüne Oberbürgermeister Dieter Salomon mit einem dramatischen Appell an seine "lieben Freiburgerinnen und Freiburger" gewandt: "Helfen Sie uns, Flüchtlingsfamilien menschenwürdig in Wohnungen unterbringen zu können", bat er in einer eigens dem Thema gewidmeten Ausgabe des Amtsblattes.

Das Ergebnis der Aktion war "überschaubar", wie Sozialbürgermeister Kirchbach feststellt. Ja, eine ältere Dame hat ihre Wohnung einer syrischen Arztfamilie vermietet. Die katholische Kirche stellte ein ehemaliges Pfarrhaus bereit, bei Bauträgern und einer Baugenossenschaft kamen auch noch einmal 19 Wohnungen zusammen, viele davon kann die Stadt aber nur für ein paar Monate nutzen - "immerhin", sagt Hein. Bei einem anderen Gebäude, das leer steht, weil hier Luxuswohnungen entstehen sollen, versucht es Kirchbach inzwischen mit Druck: "Wir können notfalls auch beschlagnahmen."

Etwa zehn Millionen Euro gibt die Stadt im Jahr für Flüchtlinge aus, doch Geld "ist gar nicht mal das Problem", sagt Hein. Es fehlen die Wohnungen. Denn nicht nur Flüchtlinge suchen in der boomenden Universitätsstadt bezahlbaren Wohnraum. 1450 Haushalte stehen auf Heins Notfallliste, das sind 3600 Menschen, die dringend eine Sozialwohnung brauchen.

Containerwohnungen als politisches Zeichen

Das bedeutet: Auch Flüchtlinge, die das Recht haben, in eine eigene Wohnung zu ziehen, haben auf Freiburgs engem Mietmarkt kaum eine Chance - "je dunkler die Hautfarbe, desto weniger", sagt der Rot-Kreuz-Mann Dresel. Die Folge: Immer mehr Leute bleiben über Jahre in den Heimen, die eigentlich nur zur Zwischenunterbringung gedacht waren. Und weil immer mehr Flüchtlinge dazustoßen, stellt die Stadt nun immer mehr Container auf.

"Die haben schon einen hochwertigen Standard", sagt Hein. 2,1 Millionen Euro kostet es, Wohnraum für 70 Menschen in sogenannter Modulbauweise zu schaffen. Aber weil die Nachfrage nach den Wohnschachteln europaweit steigt, gehen die Preise nach oben, die Lieferzeiten ziehen sich in die Länge. Und dann bleibt noch die schwierigste Frage: Wo aufstellen?

In Gewerbegebieten darf es nicht sein, das hat der Verwaltungsgerichtshof Mannheim kürzlich verboten - "weltfremd", schimpft Kirchbach. In Wohngebieten aber gibt es Nachbarn, weshalb der Bürgermeister nicht in der Zeitung lesen will, wo er mögliche Standorte ausgemacht hat. Sogar auf einen Schulparkplatz zwischen die Villen des vornehmen Stadtteils Herdern, wo Neubauten mit Panoramablick als "Belles Étages" nobel vermarktet werden, hat er Container stellen lassen, zwar nur für ein halbes Jahr, aber als politisches Zeichen: "Das wagst du nicht, haben sie alle gesagt. Ich hab's gemacht." Am Ende hat der örtliche Bürgerverein die Flüchtlinge sogar mit einem Fest willkommen geheißen.

Widerstand tarnt sich in Freiburg als Mitgefühl

In der politisch grün-alternativ geprägten Stadt ist es ohnehin eher selten, dass sich Bewohner offen fremdenfeindlich gegen die Neuankömmlinge stellen. "Da sagt keiner: Ich will hier keine Flüchtlinge", hat Kirchbach festgestellt. "Aber", so warnt er, "wenn ich die Leute in Turnhallen unterbringen muss und der Sportunterricht ausfällt, kann das Klima sehr schnell kippen."

Noch tarnt sich der Widerstand gegen ein Heim nebenan mit Mitgefühl: Ist doch viel zu abgelegen hier, viel zu weit zur Straßenbahn oder zur Schule, den armen Menschen nicht zuzumuten, ausgerechnet hier zu wohnen, solche Argumente haben Hein und Kirchbach oft gehört. Dann kommen die Einsprüche, und dann verliert die Stadt Zeit, "die wir nicht haben", sagt Hein.

Zumal dazu noch die Bürokratie zu überwinden ist - Baurecht, Lärmschutz, Brandschutz. So muss die Stadt zum Beispiel einen zweiten Fluchtweg in ein Pfarrhaus einbauen, das sie als Wohnheim nutzen will. Dazu muss eine Mauer weg, doch die steht unter Denkmalschutz. Seit Wochen stehen Heins Amt und die Denkmalschutzbehörde des Bezirks in regem Postverkehr, voran geht wenig. "Das kann einen in den Wahnsinn treiben", stöhnt Hein.

Unverhoffte Hilfe könnte vom Land kommen. Weil die Zustände in der überfüllten Erstaufnahmeeinrichtung des Landes in Karlsruhe inzwischen unhaltbar sind, will die grün-rote Landesregierung ein zweites Aufnahmezentrum schaffen. In Freiburg wäre Platz dafür, die örtliche Polizeiakademie macht 2016 dicht, und für das Rathaus ist das Angebot verlockend: Wo eine Erstaufnahmeeinrichtung des Landes steht, muss die Kommune selbst künftig keine weiteren Flüchtlinge mehr unterbringen. Für Familie Mamusi und die anderen, die bereits da sind, muss Werner Hein jedoch weiter auf Wohnungssuche gehen.