Interview am Morgen: Astra Zeneca:"Die Botschaft, die ankommt: Dieser Impfstoff ist verdächtig"

Corona-Impfung: Impfstoff von Astrazenaca

Derzeit nicht mehr im Einsatz: Impfdosen von Astra Zeneca

(Foto: Joerg Boethling via www.imago-images.de/imago images/Joerg Boethling)

Am Nachmittag entscheidet die EMA über das Corona-Vakzin von Astra Zeneca. Kommunikationswissenschaftlerin Constanze Rossmann über die Frage, welche Folgen negative Schlagzeilen haben.

Interview von Angelika Slavik, Berlin

Sind Corona-Impfungen mit dem Impfstoff von Astra Zeneca gefährlich? Einige Fälle von Hirnvenenthrombosen, die in Zusammenhang mit der Impfung stehen könnten, führten in einer Reihe von Ländern dazu, dass der Einsatz des Mittels ausgesetzt wurde. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) prüft nun, ob es weiterverwendet werden kann; die Entscheidung soll an diesem Donnerstag bekannt gegeben werden. Aber die formale Zulassung und das Vertrauen der Bevölkerung sind zwei grundverschiedene Dinge. Constanze Rossmann, Professorin an der Universität Erfurt, über die Frage, ob dieses Vakzin noch eine Zukunft hat.

SZ: Frau Professor Rossmann, am Montag hat der Bundesgesundheitsminister die Impfungen mit dem Astra-Zeneca-Vakzin gestoppt, wegen des Verdachts möglicher schwerer Nebenwirkungen. Selbst wenn der Impfstoff heute grünes Licht von der EMA bekommt - werden sich die Leute noch damit impfen lassen?

Constanze Rossmann: Man muss leider davon ausgehen, dass der Vertrauensverlust immens ist. Der Astra-Zeneca-Impfstoff, das wissen wir aus der Studienlage, hatte ohnehin schon sehr viel schlechtere Vertrauenswerte als alle anderen Vakzine. Das liegt vermutlich daran, dass er zunächst nicht für die ältere Zielgruppe zugelassen wurde und ihm eine geringere Wirksamkeit gegen milde Verläufe attestiert wird. Auch in diesem Zusammenhang war die Kommunikation unglücklich. Die Botschaft, die bei der Bevölkerung ankommt, lautet nun also schon zum wiederholten Mal: Dieser Impfstoff ist verdächtig.

Muss man den Impfstoff nun abschreiben, weil ihn keiner mehr haben will?

Nicht unbedingt. In diesem Fall könnte ein Vorteil sein, dass der Impfstoff insgesamt knapp ist. Knappheit von Gütern erhöht ihre Attraktivität, das wissen wir aus der Psychologie. Zudem signalisiert der Impfstopp eigentlich, dass die Regierung vorsichtig mit potenziellen Nebenwirkungen umgeht. Das könnte das Vertrauen auch stärken, man muss diesen Aspekt aber auch betonen. Unterm Strich wird man einiges tun müssen, um das Vertrauen wiederherzustellen.

Welche Maßnahmen wären geeignet?

Die Bundesregierung muss mehr und besser kommunizieren. Verständlicher darstellen, was genau es mit dem Impfstoff auf sich hatte und wie die Impfung insgesamt wirkt. Für mich ist unverständlich, warum es, auch unabhängig vom Astra-Zeneca-Impfstoff, nicht längst große Kommunikationskampagnen in klassischen Medien gibt. Das bräuchten wir unbedingt. Man findet online durchaus gelungene Erklärvideos, aber damit erreicht man nicht die gesamte Bevölkerung. Zudem muss die Impfung so schnell wie möglich in die Hausarzt-Praxen verlagert werden.

Constanze Rossmann

Constanze Rossmann ist Professorin für Kommunikationswissenschaft an der Universität Erfurt.

(Foto: Theresa Köhler/Theresa Köhler)

Warum?

Gesundheitsthemen sind sehr komplex, deshalb sind Vertrauenspersonen wichtig, besonders in der Krise. Für viele Menschen ist das ihr Hausarzt oder ihre Hausärztin. Wenn die Ärzte zur Impfung raten, auch mit Astra Zeneca, kann das maßgeblich zum Erfolg der Impfkampagne beitragen. Man sollte auch mit Vorbildern arbeiten, also mit Testimonials von Prominenten, die sich impfen lassen.

Helene Fischer könnte den Astra-Zeneca-Impfstoff retten?

In ihrer Zielgruppe könnte Helene Fischer einen Unterschied machen, absolut. Klug wäre auch, wenn sich die Bundeskanzlerin vor Kameras mit Astra Zeneca impfen ließe, sobald sie ihrer Impfgruppe entsprechend an der Reihe ist. Das schafft Vertrauen.

Wie beurteilen Sie insgesamt die kommunikative Leistung der Politik in dieser Pandemie?

Durchwachsen, um es freundlich zu formulieren. Es hat eigentlich gut angefangen, während des ersten Lockdowns wurde konsistent kommuniziert und viel erklärt. Aber danach wurde die Zahl der Politikerinnen und Politiker, die unterschiedliche Botschaften an die Bevölkerung gesendet haben, zunehmend größer.

Vor allem die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten widersprachen sich ständig. Das mindert die Wirksamkeit der Maßnahmen, weil man Regeln, die man nicht mehr überblickt, auch nicht einhalten kann. Und es untergräbt das Vertrauen in die Politik insgesamt - das rächt sich, wenn man dieses Vertrauen bräuchte, wie jetzt bei der Akzeptanz von Astra Zeneca.

© SZ/mcs
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