Verhaftung in London Assange ist kein Held - aber er verdient Milde

Assange-Untersützer demonstrieren vor dem Gerichtsgebäude in London.

(Foto: Getty Images)

Der Wikileaks-Gründer mag sich zweifelhaft verhalten haben. Möglicherweise hat er auch Gesetze gebrochen. Aber das macht ihn noch nicht zum Schurken.

Kommentar von Gunnar Herrmann

Julian Assange ist für manche ein Ritter, der mutig gegen Finsterlinge kämpft. Für andere ist er ein manipulativer Informationsdieb, der Unschuldige gefährdet. Zwischen diesen Extremen bewegt sich die Debatte um seine Person, die nun von der Verhaftung des 47-Jährigen neu angefacht wird.

Unbestreitbar ist: Wikileaks hat in der Vergangenheit Missstände und Verbrechen aufgedeckt und die Welt damit ein Stück sicherer gemacht. Unbestreitbar ist aber auch: Assanges Verhalten war zuweilen zweifelhaft.

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Die Affäre, die zu Ermittlungen wegen Sexualstraftaten in Schweden führte, könnte man als privat werten, auch ist Assanges Schuld nicht festgestellt. Allerdings war sein Verhalten in der Angelegenheit problematisch. Gegen die beiden Frauen, die Anschuldigungen gegen Assange erhoben haben, gingen er und seine Unterstützer damals härter vor, als es angemessen gewesen wäre. So streuten sie Gerüchte, die beiden hätten den Wikileaks-Gründer möglicherweise im Auftrag von Geheimdiensten in eine "Honig-Falle" gelockt. Diese Vorwürfe haben den Frauen schwer geschadet - sie sind aber ebensowenig belegt, wie die gegen Assange erhobenen Vorwürfe. Ein Ritter hätte sich wohl nicht auf diese Weise gewehrt.

Die schwedische Episode bekam viel Aufmerksamkeit, ist aber für die Bewertung von Wikileaks eher unerheblich. Juristisch schwerer wiegt im Moment, dass er schließlich ins Botschaftsexil floh, um die gerichtliche Klärung der Sache zu verhindern, und dabei Bewährungsauflagen verletzte.

Zudem: Nicht alles, was Assange publiziert, genügt den Ansprüchen, die man an heldenhafte Aufklärer stellt; mitunter handelte es sich eher um Verschwörungstheorien. Zu leiden hatte er darunter nicht zuletzt selbst: Das entbehrungsreiche Exil in der ecuadorianischen Botschaft verbrachte Assange in der Furcht, die USA könnten ihn wegen seiner Enthüllungen mit dem Tod bestrafen. Berichten zufolge fühlte er sich verfolgt und beobachtet.

Gemessen an den monströsen Befürchtungen, die er und seine Mitstreiter immer wieder äußerten, ist die nun bekannt gewordene Anklage eher kleinteilig: Es geht um Passwörter, Betriebssysteme und Nachrichten zwischen Assange und Chelsea Manning. Die USA werfen Assange vor, er habe Behördenrechner geknackt. Damit hätte er die Grenzen journalistischer Recherche überschritten und eine Straftat begangen, für die fünf Jahre Haft drohen.

Man darf ihm einen milden Richter wünschen, der berücksichtigt, dass Assanges Intention - Aufklärung von Schwerverbrechen - gut war. Und dass er in den vergangenen Jahren für seine Handlungen bereits einen hohen Preis zahlen musste. Wer kein Ritter ist, muss nicht unbedingt Schurke sein.

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