Süddeutsche Zeitung

Konflikt um Bergkarabach:Feuerpause zwischen Aserbaidschan und Armenien vereinbart

Die Armenier in Bergkarabach haben sich mit Baku geeinigt, die Kämpfe zu beenden. Am Dienstag hatte Aserbaidschan eine Militäroperation gestartet, bei der Dutzende Menschen ums Leben kamen.

In der Südkaukasus-Region Bergkarabach ist eine Feuerpause vereinbart worden, meldet die staatliche aserbaidschanische Nachrichtenagentur Azertac unter Berufung auf das Verteidigungsministerium in Baku. Auch die Truppen der ethnischen Armenier in Bergkarabach erklären, sie hätten einem von russischen Friedenstruppen vermittelten Waffenstillstand zugestimmt, der am Mittag in Kraft trete. Zuvor hatte die russische Nachrichtenagentur Interfax berichtet, dass die Armenier ihre Waffen niederlegen.

Das autoritär geführte Aserbaidschan hatte am Dienstagmorgen einen breit angelegten Militäreinsatz zur Rückeroberung Bergkarabachs begonnen. Sollten jetzt tatsächlich alle Karabach-Armenier aufgeben, hätte Baku sein Ziel erreicht. Das russische Verteidigungsministerium teilte unterdessen mit, die eigenen Soldaten leisteten in der Region weiter humanitäre Hilfe.

Mindestens 27 Tote, mehr als 200 Verletzte

Am ersten Tag des Militäreinsatzes gegen die mehrheitlich von Armeniern bewohnte, aber völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehörende Region Bergkarabach waren zuvor mehr als zwei Dutzend Menschen ums Leben gekommen. Der Menschenrechtsbeauftragte der international nicht anerkannten Republik Arzach, Gegham Stepanjan, sprach von mindestens 27 Toten. Darunter seien mindestens sieben Zivilisten - drei Frauen, zwei Kinder und zwei Männer. Mehr als 200 weitere Menschen seien verletzt worden. Andere armenische Regierungsquellen geben an, dass mindestens 32 Menschen getötet wurden.

Stepanjans Angaben zufolge wurden mehr als 7000 Bewohner aus 16 Orten vor dem aserbaidschanischen Beschuss in Sicherheit gebracht. Ein großes Problem bei den Evakuierungsmaßnahmen ist den Angaben von vor Ort zufolge der massive Treibstoffmangel, den eine monatelange aserbaidschanische Blockade der Region verursacht hat.

Die beiden früheren Sowjetrepubliken kämpfen seit Jahrzehnten um Bergkarabach. Die Waffenruhe nach dem letzten Krieg im Jahr 2020, in dem das durch Gas- und Öleinnahmen hochgerüstete Aserbaidschan bereits große Teile Bergkarabachs erobert hatte, wurde immer wieder gebrochen. Das russische Außenministerium forderte einen Stopp der jüngsten Feindseligkeiten. "Wegen der schnellen Eskalation der bewaffneten Auseinandersetzungen in Bergkarabach rufen wir die Konfliktparteien auf, das Blutvergießen sofort zu beenden, die Kampfhandlungen einzustellen und Opfer unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden", hieß es in einer am frühen Mittwochmorgen veröffentlichten Mitteilung des russischen Außenministeriums, wie die staatliche Nachrichtenagentur Tass berichtete.

Italien und Iran bieten sich als Vermittler an

In New York wurde unterdessen für Donnerstag eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates einberufen, wie aus Diplomatenkreisen verlautete. Zuvor hatte Armenien das Gremium um Hilfe gebeten. Am Rande der UN-Vollversammlung traf sich zudem Italiens Außenminister Antonio Tajani separat mit seinen Kollegen aus Aserbaidschan und Armenien und bot einer Mitteilung zufolge eine italienische Vermittlung an. Auch Iran bot sich als Vermittler an.

Als Bedingung für das Ende des jetzigen Militäreinsatzes nannte Aserbaidschan zuvor die Niederlegung der Waffen und die Abdankung der armenischen Führung in der Konfliktregion. International wurde Aserbaidschan für sein gewaltsames Vorgehen kritisiert. Bundesaußenministerin Annalena Baerbock etwa forderte: "Aserbaidschan muss den Beschuss sofort einstellen und an den Verhandlungstisch zurückkehren."

Ähnlich äußerte sich US-Außenminister Antony Blinken. In einem Telefonat mit Aserbaidschans Machthaber İlham Əliyev betonte er, dass es keine militärische Lösung gebe und dass die Parteien den Dialog wieder aufnehmen müssten, wie der Sprecher des Außenministeriums, Matthew Miller, mitteilte. Blinken habe die von Əliyev geäußerte Bereitschaft zur Kenntnis genommen, die Militäraktionen einzustellen und ein Treffen von Vertretern Aserbaidschans und der Bevölkerung Bergkarabachs abzuhalten. Blinken unterstrich, dass dies sofort umgesetzt werden müsse.

Rückendeckung für Baku kam hingegen aus der Türkei. Die ebenfalls islamisch geprägte Türkei gilt als Schutzmacht Aserbaidschans, wohingegen das christlich-orthodoxe Armenien traditionell auf die Unterstützung Russlands setzt, das in der Region auch eigene Soldaten stationiert hat. Mittlerweile aber braucht Moskau seine Kämpfer in erster Linie für den eigenen Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Schon vor Beginn des jüngsten Beschusses war die humanitäre Lage in Bergkarabach katastrophal gewesen, weil Aserbaidschan den einzigen Zugang Armeniens in die Exklave - den sogenannten Latschin-Korridor - blockierte.

In Armeniens Hauptstadt Eriwan brachen am Dienstagabend heftige Proteste gegen die eigene Regierung aus, es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei. Medien zufolge setzten die Beamten Blendgranaten ein. Die Demonstranten forderten von Regierungschef Nikol Paschinjan ein entschiedeneres Vorgehen sowie Unterstützung der armenischen Bewohner Bergkarabachs. Auch die russische Botschaft in Eriwan wurde von wütenden Menschen umzingelt. Angaben des armenischen Gesundheitsministeriums zufolge wurden bis zum Abend im Stadtzentrum 16 Polizisten und 18 Demonstranten verletzt.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.6243660
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/dpa/Reuters/infu/laug
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.