Artenschutz Eine Million Arten vor dem Aussterben

Sehr viele Pflanzen und Tiere könnten für immer verschwinden, warnt der Weltbiodiversitätsrat und fordert deshalb ein radikales Umdenken. Der Mensch dürfe die Erde nicht länger ausbeuten

Von Tina Baier Und Michael Bauchmüller

Die Natur auf diesem Planeten befindet sich in einem verheerenden Zustand, die meisten Lebensräume für Tiere und Pflanzen auf der Erde sind nicht mehr intakt. Das zeigt der Bericht des Weltbiodiversitätsrats (IPBES), der am Montag in Paris vorgestellt wurde. Etwa eine Million Arten sind demnach vom Aussterben bedroht. Unzählige Arten von Tieren und Pflanzen sind bereits für immer verschwunden. "Dieser Verlust ist das Ergebnis menschlicher Aktivitäten und stellt eine direkte Bedrohung für Menschen in allen Regionen der Welt dar", sagt Josef Settele, Co-Vorsitzender des IPBES. Der Weltbiodiversitätsrat hat seinen Sitz in Bonn. Dem Rat, der 2012 gegründet wurde, gehören 132 Regierungen an.

Die Erde steuert dem Bericht zufolge auf einen ökologischen Zusammenbruch zu, der sich nur durch einen "tief greifenden Wandel" verhindern lasse. Nötig sei ein gesellschaftliches Umdenken auf allen Ebenen mit dem Ziel, die Ressourcen der Natur nicht mehr auszubeuten, sondern so zu nutzen, dass sie sich immer wieder erholen können. "Das für das Leben auf der Erde essenzielle Netz wird immer löchriger", sagt Settele. Für den Bericht haben 150 Experten aus 50 Ländern drei Jahre lang Tausende Studien ausgewertet.

Die Ergebnisse sind dramatisch: Drei Viertel des Festlandes und etwa 66 Prozent der Meere sind durch menschliche Aktivitäten bereits stark beeinträchtigt, heißt es in dem Bericht. Die IPBES-Forscher nennen fünf Ursachen dafür. Am schlimmsten setzt der Welt demnach der immense Flächenverbrauch durch den Menschen zu. Gleich danach kommt die "direkte Ausbeutung der Organismen", also die Tatsache, dass Menschen viele Arten so lange jagen, fischen und aufessen, bis es sie nicht mehr gibt. An dritter Stelle nennt der Bericht den Klimawandel. "In den nächsten zehn oder zwanzig Jahren wird die Erwärmung der Erde allerdings an die erste Stelle rücken", sagt Günter Mitlacher von der Umweltschutzorganisation WWF, der die Verhandlungen in Paris verfolgt hat.

Als vierte und fünfte Ursache nennt der Bericht die Umweltverschmutzung und die Ausbreitung von nicht heimischen Arten aus anderen Erdregionen.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) verlangte als Reaktion ein massives Umsteuern unter anderem in der Agrarpolitik. Es gebe in Europa "schädliche Subventionen, die wir streichen müssen", sagte sie am Rande einer G-7-Umweltministerkonferenz im französischen Metz, auf der der IPBES-Bericht ebenfalls vorgestellt wurde. Die EU-Staaten diskutieren derzeit über die Fortführung der Agrarsubventionen in der Zeit nach 2020. Es gehe um nichts Geringeres, "als dass wir auf dieser Erde überleben", sagte Schulze. Ähnlich äußerte sich Eberhard Brandes vom WWF Deutschland: "Das Paradigma vom ewigen und alternativlosen weltweiten Wirtschaftswachstum ohne Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit der Natur führt in die ökologische Sackgasse und raubt Gesellschaften und Wirtschaft jedwede Zukunftschance", sagte er.