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Armutsbericht:Worum es wirklich geht

Wohlfahrtsverbände fordern Umverteilung, sagen es aber nicht.

Von Detlef Esslinger

Nicht nur die Industrie verfügt über Lobbyisten, sondern auch der ärmere Teil der Bevölkerung; zum Glück. Einmal im Jahr legen die Wohlfahrtsverbände eine Untersuchung vor, die sie "Armutsbericht" nennen. Die Angaben darin muss man unbedingt ernst nehmen, den Titel aber nicht wörtlich.

Es ist legitim, dass diese Interessenvertreter stets alarmierend klingende Zahlen vorlegen. Ihre Aufgabe besteht ja nicht darin, im immerwährenden Verteilungskonflikt Zurückhaltung zu zeigen. Trotzdem muss der Hinweis sein, dass die Methodik ihres Berichts problematisch bleibt. Indem sie weiterhin all diejenigen für arm erklären, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens einer Gesellschaft verfügen, bestehen sie darauf, zwei Dinge miteinander zu verwechseln: Armut und Ungleichheit.

Richtig ist, dass man in Deutschland mit einem Einkommen arm sein kann, mit dem man in Rumänien wohlhabend wäre. Wer sich keinen Kino- und keinen Schwimmbadbesuch leisten kann, der nimmt am gesellschaftlichen Leben kaum teil. Nur hängt diese Chance zur Teilhabe nicht davon ab, über wie viel Prozent vom mittleren Einkommen eine Familie verfügt - sondern vom absoluten Betrag. Was die Wohlfahrtsverbände in Wahrheit befeuern wollen, ist eine Debatte über Ungleichheit und Umverteilung. Völlig in Ordnung. Nur sollten sie das dann auch endlich so sagen.

© SZ vom 03.03.2017

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