Süddeutsche Zeitung

Armut in Deutschland (4): Versteckte Armut:"Geld von der Bank - das klang toll"

Lesezeit: 6 min

Die Wende, der falsche Mann, Hartz IV - schnell schnappt die Armutsfalle zu. Eine alleinerziehende Mutter berichtet über ihren Kampf, endlich schuldenfrei zu sein.

Mirja Kuckuk

Frau Schulz (Name von der Red. geändert) sieht man ihre finanzielle Misere nicht an. Das kurze Haar ist präzise geschnitten, blonde Strähnen leuchten auf. Die Karos der Bluse wiederholen sorgfältig den Ton der Hose, das weiße Portemonnaie passt zur Handtasche. Sie wirkt aufgeräumt, überlegt, wenn sie erzählt.

Die 52-Jährige sortiert Briefe bei der Post, morgens geht sie aus dem Haus, mittags kehrt sie heim, manchmal arbeitet sie nachts. Seit fast 18 Jahren; die Post honoriert diesen Einsatz von Zeit zu Zeit mit Prämien. Der Sohn geht in die achte Klasse einer Münchner Hauptschule, sie achtet penibel darauf, dass er nachmittags in den Sportverein und zu den Pfadpfindern geht. "Der Junge soll mir nicht auf der Straße rumlungern", sagt sie. "Meine Große steht zum Glück schon auf eigenen Beinen."

Trotz geregelter Einkünfte gibt Frau Schulz ein gutes Lehrbuch-Beispiel ab: In welche Schuldenfallen sollte man besser nicht tappen? Sie scheint kaum eine ausgelassen zu haben. Und so verlief ihr Leben von "gut situiert" zu "verarmt".

Keiner ist dagegen gefeit, dass das Leben einem einen Strich durch die Rechnung machen kann. Auch Frau Schulz nicht. Die Wende, der falsche Mann, Hartz IV. So knapp ließen sich die Fallstricke der Alleinerziehenden resümieren.

Die Wende im Leben

Alleinerziehende sind laut dem dritten Armutsbericht der Bundesregierung - neben Arbeitslosen und Migranten - am stärksten vom Armutsrisiko betroffen. Zudem zählt Frau Schulz zu den 30 Prozent der Deutschen, die im Niedriglohnsektor arbeiten und für die ein Sparbuch für Notfälle ein Wunschtraum bleiben.

Als arm gilt in Deutschland, wer monatlich 781 Euro netto zur Verfügung hat. Jeder achte Deutsche lebt an dieser Grenze. Kommen zu dem geringen Einkommen Schulden hinzu, wird es kritisch.

Frau Schulz verdient rund 650 Euro im Monat, dafür muss sie 18 Stunden pro Woche Briefe sortieren. Mit Nachtzuschlägen und Leistungsprämien kommt sie manchmal auf knapp 700 Euro. Sie gehört zu den sogenannten Aufstockern: Wie rund 1,25 Millionen Deutsche bezieht sie vom Staat zusätzliche Transferleistungen, um den Lebensunterhalt zu sichern. 740 Euro im Monat stehen ihr zu. Abzüglich Miete, Nebenkosten und Telefon bleiben Frau Schulz und ihrem Sohn 590 Euro zum Leben.

"Mein Maxi ist gewöhnt, dass das Geld knapp ist. In den Urlaub oder mit dem Auto fahren, das kann ich ihm nicht bieten", erzählt Frau Schulz. "Und bei 'Sonderwünschen' - neue Turnschuhe oder Jeans, ein Kinobesuch oder ein Spiel der 'Löwen' - springen die Großeltern oder der Onkel ein." Doch eines weiß Maxi nicht: Seine Mutter hat Schulden. 27.000 Euro will eine Bank von ihr. 1100 Euro verlangt der Staat zurück.

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"Geld von der Bank - das klang toll"

"Die eigene Dummheit"

Doch wie konnte die gelernte Bürokauffrau, die fast ihr Leben lang gearbeitet hat, in diese Situation geraten?

Ihr erster Mann war Profifußballer in der DDR. Sie verdiente zusätzlich Geld in einer Fabrik, nebenbei führte sie mit dem Vater eine Diskothek in Leipzig. Doch man wollte zu den Verwandten nach Bayern. 1989 reiste das Paar mit seiner vierjährigen Tochter als eine der letzten offiziellen Antragsteller aus.

Vom Nationalspieler zur Münchner Müllabfuhr - diese West-"Karriere" verkraftete ihr Mann kurz nach der Wende nicht. Die Ehe wurde geschieden. Frau Schulz sorgte finanziell als Sachbearbeiterin in einer Münchner Firma für sich und ihre Tochter.

Mitte der neunziger Jahre versprach ein zweiter Mann einen Neuanfang: ein gemeinsames Kind, eine größere Wohnung. Frau Schulz spricht nicht gern über dieses Kapitel ihres Lebens, das längst abgeschlossen sein sollte, aber noch Jahre dauern wird.

Lediglich eine Unterschrift hatte der neue Ehemann, ein Münchner, von ihr gewollt, für das Kinderbett und die neue Einbauküche. Der Kreditvertrag lief bereits. "Im Osten gab es sowas ja nicht. Geld von der Bank, wenn man es brauchte - das klang toll", gibt sie rückblickend zu. Sie setzt ihre Unterschrift neben seine.

Die Scham über diesen Fehler ist so groß, dass Frau Schulz ihn bis heute vor ihrer Familie verschweigt: "Das ist meine eigene Dummheit gewesen, warum soll ich meine Eltern oder meine Kinder damit belasten?" Mit Härte gegen sich selbst reagiert sie auf den folgenschweren Fauxpas. Wort- und klaglos stottert sie über Jahre das Verlangte ab. Auch als die Ehe längst zerbrochen war.

Für das zweite Kind hatte sie aufgehört zu arbeiten. Als sie wieder Vollzeit anfangen will, bekommt sie nur eine halbe Stelle. Heute sagt sie: "Kinder bedeuten Armut." Aber sie sagt auch: "Wenn ich meine Große und meinen Maxi nicht hätte, hätte ich vielleicht schon längst Schluss gemacht."

Eines Tages ruft der Anwalt der Bank an: Der Ex-Mann habe private Insolvenz angemeldet. Ein Verfahren, das seit knapp zehn Jahren deutschen Schuldnern einen Weg aus dem Schuldenkreislauf bieten soll. Stimmen die Gläubiger einem solchen Verfahren zu, erlassen sie dem Schuldner nach Zahlung einer vereinbarten Summe einen Teil des Geldes. Damit ist der Ex-Mann aus der Sache raus, Frau Schulz haftet allein weiter.

Auf der nächsten Seite: Die Angst vor den Gläubigern und Schuldenfalle Hartz IV.

"Geld von der Bank - das klang toll"

Die Angst vor dem Gläubiger

Für Frau Schulz bedeutet das: "Ich habe ja immer meine Raten gezahlt, aber nun verlangte die Bank statt 60 Euro monatlich 95. Das Geld hatte ich einfach nicht."

Aber nicht nur die Bank drängt. Ein neuer Gläubiger tritt auf den Plan: Die Arbeitsgemeinschaft München verlangt Teile der Transferleistungen zurück. In den Monaten, in denen Frau Schulz Prämien, Nachtzuschläge oder Urlaubsgeld erhielt, sei das Arbeitslosengeld II mit 740 Euro zu hoch bemessen gewesen. Die Differenz zu dem schwankenden Lohn müsse sie zurückzahlen. Doch das wenige zusätzliche Geld war längst an die anderen Gläubiger geflossen und für das tägliche Leben ausgegeben.

Frau Schulz hat lange gekämpft, um ihr "geregeltes" Leben aufrechtzuhalten. Doch irgendwann wird die Angst vor dem Gerichtsvollzieher zu groß. Wenn es an der Tür klingelt, schreckt sie hoch. Sie fürchtet sich vor den "gelben Briefen", die sie selbst bei der Post sortiert. Der schlimmste Gedanke: "Die kommen und räumen mir vor dem Jungen die Wohnung aus! Das hatte doch schon mein Ex-Mann getan." Endlich nimmt sie Hilfe an.

Schuldenfalle Hartz IV

Im gleichen Jahr, in dem Frau Schulz aus der DDR ausgereist war, gründete Gudrun Bünte mit der Arbeiterwohlfahrt die Schuldnerberatung München. "Wir wollen verschuldete Arbeitnehmer vor der Arbeitslosigkeit bewahren, also präventiv wirken", erklärt die Sozialpädagogin ihr Konzept.

Die meisten Schuldner kommen aber zu spät zu Gudrun Bünte. Im Briefkasten ist längst kein Platz mehr für weitere Mahnungen, die unbeantwortet bleiben. "Die Leute, die zu mir kommen, können ihr Leben nicht mehr allein managen."

Die Schuldnerberaterin sortiert Frau Schulz' Leben neu. Sie trennt "das Leben von den Schulden", stellt einen Haushaltsplan auf. Und sie macht Mut: bringt die Gläubiger dazu, dem Insolvenzantrag ihrer Klientin zuzustimmen und ihr nach weiteren sechs Jahren Ratenzahlung die Schulden zu erlassen.

Die Arbeitsgemeinschaft hingegen verlangt das Geld in voller Höhe zurück. "Der Staat tritt seit Einführung von SGB II immer häufiger als Gläubiger auf", berichtet die Beraterin. Insbesondere Arbeitslosengeld-II-Empfänger, die eine Arbeit gefunden haben, drohen in eine Schuldenfalle zu tappen.

"Sie müssen die Transferleistung, die sie zum Monatsanfang erhalten haben, zurückzahlen, denn sie verdienen jetzt ja wieder. Doch den ersten Lohn erhalten die meisten erst in der Mitte des Monats", erklärt Bünte. Das Geld zum Leben vom Staat dürfte also in dieser Übergangszeit nicht ausgegeben werden. Für Normalverdiener klingt das nach wenigen Euro, für Menschen, die am Existenzminimum leben hingegen bedeutet das viel Geld. Und so beginnt häufig das neue Leben mit neuen Schulden - beim Staat. Die Frage, wovon die Betroffenen in der Zeit leben sollen, lässt die Beraterin unbeantwortet.

Für Frau Schulz ist der variierende Lohn zum Verhängnis geworden. Nach regem Briefwechsel mit der Arbeitsgemeinschaft wird nach einer Lösung gesucht: Frau Schulz soll nun künftig Monat für Monat ihren Gehaltszettel einreichen, der Zuschuss vom Staat wird dementsprechend angeglichen und nicht mehr im Nachhinein korrigiert. Ein logischer Vorschlag, doch kommt er für Frau Schulz reichlich spät.

Auch wenn Gudrun Bünte wieder ein wenig Hoffnung in Frau Schulz' Leben gebracht hat, lebt die Schuldnerin weiter mit einer großen Angst: "Dass mir etwas passieren könnte und meine Familie auf meinen Schulden sitzenbleibt. Sie wissen doch von alledem nichts."

Wenn sie eines Tages schuldenfrei ist, will sie nur noch eins: sparen. Sechs Jahre wird sie noch Raten zahlen müssen - sofern das Leben nach Plan verläuft.

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