Armut in Deutschland (4): Versteckte Armut:"Geld von der Bank - das klang toll"

Lesezeit: 6 min

"Die eigene Dummheit"

Armut in Deutschland (4): Versteckte Armut: Frau Schulz möchte unerkannt bleiben. Einzig Frau Bünte von der Schuldnerberatung der Arbeiterwohlfahrt weiß um ihre Lage.

Frau Schulz möchte unerkannt bleiben. Einzig Frau Bünte von der Schuldnerberatung der Arbeiterwohlfahrt weiß um ihre Lage.

(Foto: Foto: Kuckuk)

Doch wie konnte die gelernte Bürokauffrau, die fast ihr Leben lang gearbeitet hat, in diese Situation geraten?

Ihr erster Mann war Profifußballer in der DDR. Sie verdiente zusätzlich Geld in einer Fabrik, nebenbei führte sie mit dem Vater eine Diskothek in Leipzig. Doch man wollte zu den Verwandten nach Bayern. 1989 reiste das Paar mit seiner vierjährigen Tochter als eine der letzten offiziellen Antragsteller aus.

Vom Nationalspieler zur Münchner Müllabfuhr - diese West-"Karriere" verkraftete ihr Mann kurz nach der Wende nicht. Die Ehe wurde geschieden. Frau Schulz sorgte finanziell als Sachbearbeiterin in einer Münchner Firma für sich und ihre Tochter.

Mitte der neunziger Jahre versprach ein zweiter Mann einen Neuanfang: ein gemeinsames Kind, eine größere Wohnung. Frau Schulz spricht nicht gern über dieses Kapitel ihres Lebens, das längst abgeschlossen sein sollte, aber noch Jahre dauern wird.

Lediglich eine Unterschrift hatte der neue Ehemann, ein Münchner, von ihr gewollt, für das Kinderbett und die neue Einbauküche. Der Kreditvertrag lief bereits. "Im Osten gab es sowas ja nicht. Geld von der Bank, wenn man es brauchte - das klang toll", gibt sie rückblickend zu. Sie setzt ihre Unterschrift neben seine.

Die Scham über diesen Fehler ist so groß, dass Frau Schulz ihn bis heute vor ihrer Familie verschweigt: "Das ist meine eigene Dummheit gewesen, warum soll ich meine Eltern oder meine Kinder damit belasten?" Mit Härte gegen sich selbst reagiert sie auf den folgenschweren Fauxpas. Wort- und klaglos stottert sie über Jahre das Verlangte ab. Auch als die Ehe längst zerbrochen war.

Für das zweite Kind hatte sie aufgehört zu arbeiten. Als sie wieder Vollzeit anfangen will, bekommt sie nur eine halbe Stelle. Heute sagt sie: "Kinder bedeuten Armut." Aber sie sagt auch: "Wenn ich meine Große und meinen Maxi nicht hätte, hätte ich vielleicht schon längst Schluss gemacht."

Eines Tages ruft der Anwalt der Bank an: Der Ex-Mann habe private Insolvenz angemeldet. Ein Verfahren, das seit knapp zehn Jahren deutschen Schuldnern einen Weg aus dem Schuldenkreislauf bieten soll. Stimmen die Gläubiger einem solchen Verfahren zu, erlassen sie dem Schuldner nach Zahlung einer vereinbarten Summe einen Teil des Geldes. Damit ist der Ex-Mann aus der Sache raus, Frau Schulz haftet allein weiter.

Auf der nächsten Seite: Die Angst vor den Gläubigern und Schuldenfalle Hartz IV.

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