bedeckt München 18°

Armut in Deutschland (4): Versteckte Armut:"Geld von der Bank - das klang toll"

Die Wende, der falsche Mann, Hartz IV - schnell schnappt die Armutsfalle zu. Eine alleinerziehende Mutter berichtet über ihren Kampf, endlich schuldenfrei zu sein.

Frau Schulz (Name von der Red. geändert) sieht man ihre finanzielle Misere nicht an. Das kurze Haar ist präzise geschnitten, blonde Strähnen leuchten auf. Die Karos der Bluse wiederholen sorgfältig den Ton der Hose, das weiße Portemonnaie passt zur Handtasche. Sie wirkt aufgeräumt, überlegt, wenn sie erzählt.

Schulden und Armut gehen oft mit Scham einher. Es dauert lange, bis sich Betroffene ihre Probleme eingestehen.

(Foto: Foto: iStockphotos)

Die 52-Jährige sortiert Briefe bei der Post, morgens geht sie aus dem Haus, mittags kehrt sie heim, manchmal arbeitet sie nachts. Seit fast 18 Jahren; die Post honoriert diesen Einsatz von Zeit zu Zeit mit Prämien. Der Sohn geht in die achte Klasse einer Münchner Hauptschule, sie achtet penibel darauf, dass er nachmittags in den Sportverein und zu den Pfadpfindern geht. "Der Junge soll mir nicht auf der Straße rumlungern", sagt sie. "Meine Große steht zum Glück schon auf eigenen Beinen."

Trotz geregelter Einkünfte gibt Frau Schulz ein gutes Lehrbuch-Beispiel ab: In welche Schuldenfallen sollte man besser nicht tappen? Sie scheint kaum eine ausgelassen zu haben. Und so verlief ihr Leben von "gut situiert" zu "verarmt".

Keiner ist dagegen gefeit, dass das Leben einem einen Strich durch die Rechnung machen kann. Auch Frau Schulz nicht. Die Wende, der falsche Mann, Hartz IV. So knapp ließen sich die Fallstricke der Alleinerziehenden resümieren.

Die Wende im Leben

Alleinerziehende sind laut dem dritten Armutsbericht der Bundesregierung - neben Arbeitslosen und Migranten - am stärksten vom Armutsrisiko betroffen. Zudem zählt Frau Schulz zu den 30 Prozent der Deutschen, die im Niedriglohnsektor arbeiten und für die ein Sparbuch für Notfälle ein Wunschtraum bleiben.

Als arm gilt in Deutschland, wer monatlich 781 Euro netto zur Verfügung hat. Jeder achte Deutsche lebt an dieser Grenze. Kommen zu dem geringen Einkommen Schulden hinzu, wird es kritisch.

Frau Schulz verdient rund 650 Euro im Monat, dafür muss sie 18 Stunden pro Woche Briefe sortieren. Mit Nachtzuschlägen und Leistungsprämien kommt sie manchmal auf knapp 700 Euro. Sie gehört zu den sogenannten Aufstockern: Wie rund 1,25 Millionen Deutsche bezieht sie vom Staat zusätzliche Transferleistungen, um den Lebensunterhalt zu sichern. 740 Euro im Monat stehen ihr zu. Abzüglich Miete, Nebenkosten und Telefon bleiben Frau Schulz und ihrem Sohn 590 Euro zum Leben.

"Mein Maxi ist gewöhnt, dass das Geld knapp ist. In den Urlaub oder mit dem Auto fahren, das kann ich ihm nicht bieten", erzählt Frau Schulz. "Und bei 'Sonderwünschen' - neue Turnschuhe oder Jeans, ein Kinobesuch oder ein Spiel der 'Löwen' - springen die Großeltern oder der Onkel ein." Doch eines weiß Maxi nicht: Seine Mutter hat Schulden. 27.000 Euro will eine Bank von ihr. 1100 Euro verlangt der Staat zurück.

Auf der nächsten Seite: Wie schnell man in die Misere rutschen kann.

Zur SZ-Startseite