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Genozid-Erinnerung in Armenien:Zusammengeschweißt durch 100-jähriges Leid

Die Werkzeuge des Völkermords, so arrangiert, dass sie die Zahl 1915 ergeben: Eine Frau spiegelt sich in Jerewan in einer der Plakatwände, die in der ganzen Stadt hängen.

Die Werkzeuge des Völkermords, so arrangiert, dass sie die Zahl 1915 ergeben: Eine Frau spiegelt sich in Jerewan in einer der Plakatwände, die in der ganzen Stadt hängen.

(Foto: Reuters)

Der Völkermord von 1915 hat die Armenier traumatisiert, ihren Zusammenhalt jedoch auch gestärkt. Denn der Genozid durchdringt alles, auch Kunst und Religion.

Die klaffende Wunde will auch nach einem Jahrhundert nicht heilen. In diesem Jahr jährt sich der Völkermord an den Armeniern durch die Türken zum 100. Mal. Das verstärkt die Erinnerung an die ohnehin sehr präsente Tragödie von 1915 in dem kleinen Kaukasus-Staat.

Die ganze Gesellschaft wird bis heute vom Trauma des Völkermords durchdrungen, die Politik ohnehin, aber auch die Künste und die Religion. Wie sich eine kollektive Erschütterung noch nach 100 Jahren auf ein Volk auswirkt, wenn sie nicht verarbeitet wurde, war etwa beim zwölften Filmfestival in der armenischen Hauptstadt Jerewan (Eriwan) zu spüren, das zu den größten Kulturereignissen des Landes zählt. Den Ton dafür gaben allein die grausigen Plakate vor, die seit Monaten an das Massaker erinnern und denen niemand in der Stadt entkommen kann. Dass sich auch der Eröffnungsfilm "Une histoire de fou" von Robert Guédiguian mit der Thematik beschäftigte, erschien da nur folgerichtig.

Der Film über einen armenischen Attentäter, der versucht, mit sich selbst ins Reine zu kommen, feierte im Mai in Cannes Premiere. Inhaltlich passt "Une histoire de fou" allerdings weit besser an den Fuß des armenischen Schicksalsberges Ararat als zum Glamour-Trubel an der Croisette. Denn Guédiguian beschäftigt sich in seinem neuen Werk mit einem zentralen Thema Armeniens: der Erinnerung, die über Generationen weitergegeben wird und die für dieses Volk genauso identitätsstiftend ist wie für die Juden der Holocaust - aber auch so schmerzhaft.

Der Mord an bis zu 1,5 Millionen Armenieren gehört zu den größten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit, und doch weigert sich die Türkei bis heute, die Verantwortung für das Massaker anzuerkennen. Für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan handelt es sich bei dem Massenmord noch immer lediglich um "traurige Ereignisse" im Zuge des Ersten Weltkriegs, auch wenn die erwachende türkische Zivilgesellschaft inzwischen zunehmend die Anerkennung der Gräueltaten als "Völkermord" einfordert.

Das unterscheidet die armenische Erfahrung von der jüdischen. Zu Letzterer gehört, dass sich die Deutschen zu ihrer Schuld am Holocaust bekennen. Erst dieses Eingeständnis ermöglichte den Dialog zwischen Juden und Deutschen, der eine erstaunliche Normalisierung in der Beziehung zwischen beiden Völkern mit sich brachte. Davon sind die Türkei und die Armenier weit entfernt. Die Nachfahren der Opfer sehen sich bis heute außerstande, den Tätern zu verzeihen. Denn Nachsicht üben kann nur, wer um Verzeihung gebeten wurde.

Rituelles Verbrennen der türkischen Flagge

So konnte die Aufarbeitung weder bei Tätern noch bei Leidtragenden beginnen. Unverständnis und Verbitterung konservieren sich in der türkischen und armenischen Politik gegenseitig, wie etwa der türkisch-niederländische Journalist Sinan Can und der armenisch-niederländische Musical-Schauspieler Ara Halici in der ergreifenden Doku "Blood Brothers" aufzeigen, in der sie vor Ort in Jerewan zu ergründen versuchen, wie sie der Völkermord trennt, aber auch verbindet.

Das alljährliche rituelle Verbrennen der türkischen Fahne am Vorabend des Völkermordgedenktages am 24. April etwa empfindet Can als pauschale und ungerechte Verunglimpfung seiner Person, ist er doch einer der wenigen Türken, die den Genozid als solchen anerkennen. Für Halici steht dabei das identitätsstiftende Gemeinschaftserlebnis im Vordergrund, das für ihn als Exil-Armenier besonders wichtig ist.

"Manchmal muss man sich gegen mörderische Regierungen erheben"

Der gemeinsam erlebte Schmerz schweißt die circa zehn Millionen Armenier, die zu achtzig Prozent über die ganze Welt verteilt in der Diaspora leben, stärker zusammen als die meisten Völker, die meistens in ihrem eigenen Staat beisammen sind. Verstärkt wird der Zusammenhalt noch dadurch, dass die Erinnerung an das armenische Trauma nicht nur in der Türkei unter den Teppich gekehrt wird, sondern auch im Rest der Welt jahrzehntelang nicht wahrgenommen wurde.

Robert Guédiguian bei der Preisverleihung in Etschmiadsin, dem Hauptsitz der Armenischen Apostolischen Kirche.

(Foto: Paul Katzenberger)

Um diese höhere globale Ebene geht es Guédiguian in seinem Drama. "'Une histoire de fou" ist ein Film über hundert Jahre armenischer Geschichte", sagte er in Jerewan. Das Werk handelt von einem Mann, der das Massaker durch Terrorakte in das Bewusstsein der Menschen zerren will. Es spielt über weite Strecken nicht etwa in der Türkei, sondern in Frankreich und im Libanon der 1980er Jahre.

Deutlich spiegelt sich darin der reale Fall des armenischen Attentäters Soghomon Tehlirian. Dieser erschoss 1921 in Berlin den vormaligen osmanischen Innenminister Talât Pascha, der als einer der Hauptverantwortlichen des Völkermords an den Armeniern gilt. Tehlirian hatte durch den Genozid 85 Mitglieder seiner Familie verloren. Guédiguian setzt ihm in seinem Film ein Denkmal.

Er sei strikt gegen Gewaltausübung gegen Zivilisten, betonte der Regisseur in Jerewan, doch er habe sich immer für Aktionen ausgesprochen, die sich gegen bestimmte Personen richteten, zum Beispiel führende Politiker: "Manchmal muss man sich gegen korrupte und mörderische Regierungen erheben, gegen die Polizei, und dann es gibt tatsächlich kein anderes Mittel, als zur Waffe zu greifen."

Das Leid der anderen

Das klingt nach einer Relativierung von Terrorismus. Umso bemerkenswerter erscheint es, dass die Armenische Apostolische Kirche den Filmemacher während des Festivals mit einem Preis adelte. Guédiguian halte die Erinnerung daran wach, dass es auf der ganzen Welt armenische Künstler gebe, die sich mit ihrem Werk der armenischen Sache verpflichtet sähen, begründete der geistige Führer, Katholikos Karekin II., in seiner Laudatio die Ehrung für den Regisseur, bevor auch er auf die Verantwortung der Türkei in Hinblick auf den Genozid zu sprechen kam.

Katholikos Karekin II im Petersdom.

Katholikos Karekin II. (links) im April 2015 bei der Papstmesse im Petersdom in Rom, bei der der Opfer des armenischen Genozids gedacht wurde.

(Foto: AFP)

Aus dem Munde eines christlichen Kirchenmannes hören sich solche Worte ungewöhnlich nationalistisch und feindselig an, doch der Byzantiniker Johannes Niehoff-Panagiotidis von der Freien Universität Berlin erkennt darin keinen Widerspruch: "Die Christen predigen Vergebung, aber damit die Armenier vergeben können, muss die Türkei ihre Schuld anerkennen." Insofern sei die Forderung Karekins im christlichen Sinne folgerichtig. "Schon im Evangelium nach Johannes heißt es: 'Die Wahrheit wird Euch frei machen."'

Zwischen christlicher Botschaft und auserwähltem Volk

Völlig frei von politischen Ambitionen jenseits der Theologie ist die Armenische Apostolische Kirche allerdings keineswegs. Dazu ist ihre Rolle als älteste christliche Staatskirche der Welt viel zu ausgeprägt. Mit einer Tradition im Rücken, die auf das Jahr 301 nach Christi zurückreicht, symbolisiert Karekin unmittelbar ein auserwähltes Volk. "Zwischen diesem Anspruch und der allgemeinen christlichen Botschaft den richtigen Ausgleich zu finden, ist die große Herausforderung für die Armenische Apostolische Kirche", erklärt Niehoff-Panagiotidis.

Die Kunst des Kompromisses - zumindest die Festivalmacher erwiesen sich darin in Jerewan als geübt. Einerseits blieben sie der armenischen Sache treu: In den zwei Sonderreihen "Never again" und "We exist" gedachten sie programmatisch sehr umfangreich des Völkermords, andererseits beschränkten sie sich dabei nicht allein auf das armenische Trauma, sondern prangerten historische Gemetzel auf der ganzen Welt an - vom Holocaust der Nazis über den staatlich organisierten Massenmord in Indonesien (1965 bis 1966) bis hin zum Genozid der Roten Khmer in Kambodscha (1975 bis 1979).

Die Beschäftigung mit dem eigenen Leid schafft offenbar auch das Bewusstsein für den Schmerz der anderen.

© SZ.de/gal/leja/odg
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