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Konflikt um Berg-Karabach:Armenien und Aserbaidschan einigen sich auf Waffenruhe

Konflikt in Berg-Karabach

Seit Ende September finden in der Unruheregion Berg-Karabach im Südkaukasus die schwersten Gefechte seit Mitte der 90er-Jahre statt.

(Foto: Dmitri Lovetsky/dpa)

Die Feuerpause soll Russlands Außenminister Lawrow zufolge am Samstagmittag beginnen und beiden Seiten Gelegenheit geben, tote Soldaten in ihre Heimat zu überstellen. Ein Frieden scheint dennoch weit entfernt.

Von Anna Ernst

Fast zwei Wochen lang hat der Krieg im Südkaukasus gedauert. Nun haben sich Armenien und Aserbaidschan auf eine Waffenruhe im Konflikt um die Region Berg-Karabach geeinigt. Diese solle schon am Samstagmittag beginnen, teilte Russlands Außenminister Sergej Lawrow mit. Das russische Ministerium veröffentlichte in der Nacht zum Samstag eine entsprechende Erklärung.

Zehn Stunden lang hatten die Außenminister von Armenien und Aserbaidschan in Moskau am Verhandlungstisch gesessen. Noch während die beiden Kriegsparteien am Freitagabend in Moskau tagten, berichteten Augenzeugen in den sozialen Medien von weiteren Luftangriffen. Aserbaidschan gab an, neun Dörfer in Berg-Karabach eingenommen zu haben.

Die am 27. September ausgebrochenen Kämpfe um das Gebiet sind die schwersten seit Mitte der 90er-Jahre. Innerhalb der vergangenen 13 Kriegstage gab es sowohl in Aserbaidschan als auch in Berg-Karabach hohe Opferzahlen. Armenien meldete 320 in Berg-Karabach getötete Soldaten. Aserbaidschan hat bislang keine Angaben zu eigenen Verlusten gemacht, spricht aber von etwa 30 toten Zivilisten. Die jetzt ausgehandelte Waffenruhe soll genutzt werden, um Kriegsgefangene auszutauschen und die Körper toter Soldaten in ihre Heimat zu übergeben.

Jetzt soll einmal mehr die OSZE vermitteln

Die sogenannte Minsk-Gruppe der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) soll die anstehenden Friedensverhandlungen leiten. Die Gruppe wird von Russland, den USA und Frankreich angeführt, die in dem Konflikt vermitteln. Immer wieder hatte die OSZE in den vergangenen Jahren Beobachter an die Frontlinie geschickt. Bislang aber war das Bemühen um eine dauerhafte politische Lösung vergeblich. Zu schwierig ist die völkerrechtliche Lage.

Berg-Karabach - ein Gebiet, in etwa doppelt so groß wie das Saarland - hatte zu sowjetischen Zeiten den Status einer autonomen Enklave inmitten Aserbaidschans. Nagrony Karabach hieß es damals, "bergiger schwarzer Garten". Hier lebten christliche Armenier, die die meisten hochrangigen Positionen bekleideten, gemeinsam mit muslimischen Aserbaidschanern. Immer wieder aber forderten die Armenier ihre Unabhängigkeit. Als die UdSSR zerfiel, kam es zu Demonstrationen, Gewalt und schließlich Massenmorden auf beiden Seiten. Sie führten in einen Krieg, der die Region bis zu einem Waffenstillstand 1994 in Schutt und Asche legte und bis heute prägt. Auf dem umkämpften Gebiet entstand die selbsternannte armenische Republik Artsakh: ein De-facto-Staat, der international nicht anerkannt ist. Etwa 145 000 Armenier leben dort heute.

Völkerrechtlich aber gehört das Gebiet noch immer zu Aserbaidschan. Seit 26 Jahren leben die Menschen auf beiden Seiten in Angst. Immer wieder gab es Gefechte und Schusswechsel. Und noch heute sind die Ruinen aus den 90er-Jahren in Berg-Karabach zu sehen. Am prägnantesten ist die ehemals aserbaidschanische Ortschaft Ağdam, die direkt hinter der Front auf dem von Armeniern eingenommenen Gebiet liegt. Nur noch die beiden Minarette der Moschee waren stehengeblieben. Sie überragen die Reste der Grundmauern in dieser riesigen Geisterstadt. Solche schmerzhaften Kriegserinnerungen haben den Südkaukasus tief geprägt.

Unabhängige Beobachter wie das Internationale Rote Kreuz, das seit dem Krieg in den 90er-Jahren vor Ort mit Helferteams auf beiden Seiten des Konflikts vertreten ist, waren bis Freitagabend noch davon ausgegangen, dass es vorerst keine Lösung geben wird und sich die Situation weiter drastisch verschlimmern werde. Etwa 75 000 Menschen befinden sich Schätzungen der Behörden zufolge auf der Flucht. Zivilisten, die in der Kriegsregion geblieben sind, suchen Schutz in unbeheizten Bombenkellern.

"Beide Seiten leiden gleichermaßen"

"Schweres Artilleriefeuer und Luftangriffe, auch durch Raketen, haben zu Zerstörungen und Schäden an Hunderten von Häusern und wichtigen Infrastrukturen wie Krankenhäusern und Schulen auf beiden Seiten der Kontaktlinie geführt", sagte Eteri Musajeljan, Sprecherin der Rot-Kreuz-Mission in Stepanakert. Zivilisten bekämen die volle Wucht der zunehmenden Gewalt zu spüren. "Beide Seiten leiden gleichermaßen unter der Eskalation."

Und noch immer ist die Zukunft ungewiss: Aserbaidschans Präsident Ilham Aliyew hatte das Treffen in Moskau als "letzte Chance" auf eine friedliche Lösung bezeichnet. Er verlangt weiterhin, dass Armenien Berg-Karabach aufgibt. Militärisch bekommt er Rückendeckung der Türkei. Armenien, das auf die Hilfe Moskaus vertraut, wird das wohl nicht hinnehmen. Vor allem nicht, wenn die Türkei beteiligt ist, die bis heute nicht den Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkrieges anerkennt. Ein Kompromiss scheint fast unmöglich.

Mit Material der Agenturen

© SZ/dpa/AP/Reuters/jobr

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