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Argentinien:Teures Armutszeugnis

Präsident Mauricio Macri hat viel versprochen. Und in vielem versagt.

In den vergangenen Jahrzehnten sind die Argentinier wirtschaftlich durch einige tiefe Täler gegangen, von der Hyperinflation bis hinunter zum Staatsbankrott. Auszuhalten war das nur mit Galgenhumor und Erfindungsreichtum: Als 2011 die Inflation mal wieder an Fahrt aufnahm und der Kauf von Devisen beschränkt wurde, sprachen die Argentinier scherzhaft von einem cepo, einer Fußfessel. Die Geldwechsler, die bald darauf die Fußgängerzonen säumten wie die Platanen eine Allee, hießen arbolitos, Bäumchen, und die illegalen Wechselstuben wurden cuevas genannt, Höhlen, weil sie mehr oder minder versteckt in dunklen Hinterstuben agierten.

Die Fußfesseln, die Bäumchen, die Höhlen: Sie alle werden nun zurückkehren. Denn am Sonntag hat die argentinische Regierung bekannt gegeben, dass sie Kapitalkontrollen einführen will. Angesichts der katastrophalen Lage ist das verständlich. Gleichzeitig ist es aber auch ein Zeichen dafür, wie sehr Präsident Mauricio Macri und seine Minister versagt haben.

2015 waren sie angetreten mit dem Versprechen, die schwächelnde Wirtschaft wieder auf Vordermann zu bringen. Dafür griff Macri zu Maßnahmen aus dem wirtschaftsliberalen Lehrbuch: Die Handelsbeschränkungen zum Schutz der heimischen Industrie wurden aufgehoben. Die Regierung einigte sich mit umstrittenen Altgläubigern auf millionenschwere Rückzahlungen, strich Subventionen und auch die Kapitalkontrollen. Auf einmal konnten die Argentinier wieder so viele Dollar kaufen, wie sie wollten - was sie dann auch eifrig taten. Ein großer Teil dieser Dollar dürfte heute als Banknoten versteckt in irgendwelchen Schließfächern liegen. Das alles sollte Investoren anlocken, Millionen Menschen aus der Armut holen und die Inflation stoppen.

Eingetreten ist aber genau das Gegenteil: Der Peso hat allein in den vergangenen zwölf Monaten über die Hälfte seines Werts gegenüber dem Dollar verloren, Millionen Argentinier sind im gleichen Zeitraum unter die Armutsgrenze gerutscht. Die Industrie liegt am Boden, und Investoren verlassen panikartig das Land. Lange hat Macri die Schuld für diese Misere seiner Vorgängerin Cristina Fernández de Kirchner in die Schuhe geschoben. Und lange ist er damit durchgekommen: Statt die eigene Politik zu hinterfragen, hat die Regierung munter immer neue Kredite aufgenommen. Allein beim Internationalen Währungsfonds steht sie mit sagenhaften 57 Milliarden Dollar in der Kreide, der höchste Kredit, den die Institution jemals in ihrer Geschichte gewährt hat. Geholfen hat das alles nichts, Argentinien gilt als praktisch zahlungsunfähig, und die Inflation ist immer noch nicht gestoppt.

Den Preis für das Versagen von Präsident Macri werden die Menschen zahlen

Dass die Regierung von Mauricio Macri jetzt dazu zurückkehrt, den Kauf von Devisen zu beschränken, hat eine bittere Ironie. Denn auf der einen Seite kommt die Maßnahme viel zu spät, Milliarden Kapital sind schon abgeflossen, allein am Donnerstag und Freitag waren es drei Milliarden Dollar. Auf der anderen Seite ist das Land wirtschaftlich und politisch nun wieder an dem Punkt, an dem es vor der Amtsübernahme Macris auch schon war - nur mit mehr Schulden, mehr Arbeitslosen und mehr Problemen als damals.

Macri wird das alles sehr wahrscheinlich die Wiederwahl kosten - und das zu Recht. Den wahren Preis für dieses Versagen werden aber die Menschen in Argentinien bezahlen. Sie sind es - leider - schon gewohnt.