Argentinien:Mit Schul-Notebooks an die Spitze der Charts

Argentinien: Promoshot von L-Gante

Promoshot von L-Gante

(Foto: instagram @elebph)

Sie heißen "L-Gante" und "Lit Killah", ihre Musik hören Millionen. Den Erfolg haben sie auch der argentinischen Regierung zu verdanken. Die hatte billige Notebooks an Schüler ausgegeben - eigentlich für Hausaufgaben.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Es läuft für "L-Gante". Gerade einmal 21 Jahre alt ist der argentinische Rapper, Tätowierungen im Gesicht, dicke Klunker um den Hals. Mit schleppenden Beats und expliziten Texten über das Leben in einem Armenviertel in Buenos Aires hat er es bis an die Spitze der Charts gebracht. Gerade erst war er in New York, in Kolumbien, Spanien und Mexiko, ausverkaufte Shows und Youtube-Videos mit mehr als 200 Millionen Klicks.

Zu verdanken, sagt L-Gante, habe er all dies seiner Mama und dem Marihuana: Die eine gab Unterstützung, das andere Inspiration. Aber L-Gante wäre heute wohl auch nicht da, wo er jetzt ist, ohne einen klobigen Zehn-Zoll-Laptop der argentinischen Regierung.

Von 2010 bis 2015 verteilte die Regierung fast fünf Millionen Netbooks an Schüler im ganzen Land. Conectar Igualdad wurde die Initiative genannt, frei übersetzt so viel wie "Gleichheit verbindet". Kinder und Jugendliche aus ärmeren Schichten sollten Zugang zu digitaler Technik und dem Internet bekommen.

Eigentlich war der eigene Heimcomputer vor allem für Hausaufgaben gedacht, doch er wurde schnell für andere Dinge zweckentfremdet: Facebook statt Fremdsprachen, Games statt Geografie, Programmieren statt Physik. Ein paar Teenies fingen an, Musik mit ihren Rechnern zu machen. Sie bastelten Beats mit Gratis-Software und rappten dazu, erst nur im Kinderzimmer, dann gemeinsam in Parks und schließlich auf richtigen Bühnen.

Nach der Amtsübernahme einer neoliberalen Regierung verschwand Conectar Igualdad 2015 in einer Schublade, die Karriere der Rapper aus den Armenvierteln aber war nicht mehr zu stoppen. Die Schullaptops waren zwar schrecklich langsam, und manchmal dauerte es Stunden, bis die Songs endlich über eine ruckelnde Internetverbindung ins Netz geladen waren. Dort aber wurden sie meist ein Riesenerfolg.

Sieht man sich heute die argentinischen Charts an, findet man gleich eine ganze Reihe von Künstlern, die alle von sich sagen, dass ihre Karrieren einst im fahlen Schein eines Conectar-Igualdad-Netbooks begonnen haben. War Argentinien lange nur für Tango und vielleicht auch noch für Rock bekannt, sind Rapper wie Trueno, Neo Pistea, Lit Killah, Bandido oder eben auch L-Gante heute Exportschlager.

Sogar die Vizepräsidentin lobt das leuchtende Beispiel

Mittlerweile hat nicht nur die Musikindustrie dieses Potenzial erkannt, sondern auch die Politik. Längst sind in Argentinien wieder die Linksperonisten an der Macht. Sie waren es einst, die das Schulcomputer-Programm ins Leben gerufen haben. Und was, fragen sie, gäbe es für einen besseren Beweis für dessen Erfolg als den Aufstieg der Rapper?

Sogar Vizepräsidentin Cristina Fernández de Kirchner ließ es sich nicht nehmen, L-Gante öffentlich als leuchtendes Beispiel zu loben. Allerdings sprach sie dabei den Namen des Rappers falsch aus, und dieser sah sich kurz darauf genötigt, etwas klarzustellen: Seinen Conectar-Igualdad-Rechner habe er nicht geschenkt bekommen, sondern gegen ein Handy eingetauscht, weil er zu diesem Zeitpunkt längst die Schule geschmissen hatte.

Und dennoch sollte man nun nicht glauben, dass L-Gante Bildung egal sei. Gerade erst hat er einen kurzen Song ins Netz gestellt, in dem er das Abc rappt. Er hat schon mehr als drei Millionen Aufrufe.

© SZ/mikö
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