Argentinien Licht ins Dunkel

In Argentinien sucht man nach Ursachen für den Stromausfall - und nach Schuldigen. Für die Opposition ist dieser schon gefunden: Präsident Macri mit seinen leeren Versprechungen. Im Vorfeld der Wahlen im Herbst kommt der Vorfall für diesen äußerst ungelegen.

Von Christoph Gurk

Mit Notbeleuchtungen halfen sich Laden- und Kioskbesitzer während des großen Stromausfalls.

(Foto: Mariana Greif /REUTERS)

Als der Strom endlich wieder da war, mussten viele Menschen sich erst einmal informieren über jenen apagón , den totalen Blackout also, der Argentinien und Teile seiner Nachbarländer am Sonntag in Dunkelheit getaucht hat. Noch vor Sonnenaufgang war gegen sieben Uhr Ortszeit der Strom ausgefallen, 48 Millionen Menschen waren schlagartig von der Energieversorgung abgeschnitten. Die Millionenmetropole Buenos Aires wurde lahmgelegt, es brannten keine Straßenlampen, es fuhren keine Züge und U-Bahnen mehr, Ampeln fielen aus, die Wasserversorgung war gestört, genauso wie auch das Telefonnetz und Internet. Weil sie ihr Angebot nicht aktualisieren konnten, blieben viele Nachrichtenseiten auf dem Stand von Samstagabend, ohne Strom liefen auch die Fernsehgeräte nicht, und wer kein batteriebetriebenes Transistorradio besaß, musste mit seinem Mobilfunkgerät nach dem Signal einer jener wenigen Antennen suchen, die dank Batterie noch in Betrieb waren. Vor allem der Kurznachrichtendienst Twitter verwandelte sich zur Nachrichtenquelle. Am frühen Sonntagnachmittag Ortszeit meldete sich dort endlich auch der argentinische Präsident Mauricio Macri zu Wort: Einen Stromausfall diesen Ausmaßes habe es noch nie gegeben. "Wir werden den Ursachen auf den Grund gehen", versprach er.

Tatsächlich sind die aber auch einen Tag nach dem apagón immer noch ungeklärt. Der argentinische Energieminister Gustavo Lopetegui sprach von einer "anormalen Kette von Ereignissen, die zu einer vollständigen Unterbrechung geführt" habe. Dass sich der Vorfall wiederhole sei ausgeschlossen, betonte er am Montagmorgen in einer Radiosendung, gleichzeitig sagte Lopetegui aber auch noch einmal, dass die Aufarbeitung bis zu zehn Tage in Anspruch nehmen werde.

Die ohnehin schlechten Umfragewerte des Präsidenten könnten weiter sinken

Während die Experten noch nach den Ursachen fahnden, hat die Politik den Blackout schon als Wahlkampfthema entdeckt. Im Oktober wählen die Argentinier einen neuen Präsidenten, Amtsinhaber Mauricio Macri wird aller Voraussicht nach wieder antreten, der apagón kommt darum mehr als ungelegen, schließlich hatte Macri bei seinem Amtsantritt doch noch versprochen, sich der maroden Stromversorgung anzunehmen. Denn schon vor dem Blackout vom Wochenende war es in Argentinien immer wieder zu Stromausfällen gekommen. Vor allem in Buenos Aires gehen in den Sommermonaten gern die Lichter aus. Zu viele Klimaanlagen surren dann in der schwül-heißen Luft, und die Netze können nicht mithalten, sie sind nicht nur überlastet, sondern oft auch veraltet. Die Schuld für all das gab Mauricio Macri immer gerne seiner Vorgängerin, Cristina Fernández de Kirchner. Unter ihrer Präsidentschaft war die Stromversorgung hochgradig subventioniert, Investitionen in neue Netze oder höhere Produktionskapazitäten lohnten nicht, Macri versprach das alles zu ändern, gleichzeitig wurden dafür aber auch die Strompreise empfindlich angehoben, es kam zu landesweiten Proteste, die Tariferhöhungen trugen letztendlich auch zu einer Inflationsrate von fast 50 Prozent bei.

Dass es nun, knapp drei Jahre nach diesem tarifazo, dem "Gebührenhammer", zu einem nie dagewesenen Stromausfall kommt, führt zu Unmut in der Bevölkerung - und zu Schadenfreude bei der Opposition. "Gebt den Argentiniern das Licht zurück", forderte der linksperonistische Politiker Alberto Fernández auf Twitter. Fernández gilt als aussichtsreicher Kandidat für den Präsidentenposten im Herbst, auch, weil er zusammen mit Cristina Fernández de Kirchner antritt, die als Bewerberin um den Vizeposten ins Rennen geht, ausgerechnet also jene Ex-Präsidentin, die Macri immer wieder für die Energieengpässe verantwortlich gemacht hat.

In den nächsten Tagen und Wochen wird Macri sich bezüglich des Blackouts erklären müssen. Der Stromausfall könnte dazu führen, dass seine ohnehin sinkenden Popularitätswerte weiter absacken. Argentinien steckt in einer schweren Wirtschaftskrise, das Land ist hoch verschuldet, in einem Jahr hat sich der Wert des Peso gegenüber dem Dollar halbiert, die Arbeitslosigkeit steigt rapide, und ein Drittel der Argentinier lebt heute unter der Armutsgrenze. Viele Menschen fühlen sich schon jetzt an die Krise von 2001 erinnert. Damals brach die Wirtschaft komplett zusammen, es kam zu Massenprotesten und Plünderungen. Arme und Obdachlose streiften durch die Straßen von Buenos Aires und durchsuchten den Müll nach Metall, Papier und Essen. Und immer wieder kam es in dieser Zeit auch zu Stromausfällen, der größte davon ereignete sich 2002, 13 Millionen Menschen in Buenos Aires und die Bewohner von acht Provinzen waren damals von der Stromversorgung abgeschnitten. Kurz danach folgten vier Präsidenten in nur wenigen Tagen aufeinander im Amt.