Argentinien:Wechsel-Bonbons

Kein Kleingeld? Dafür gibt es in Argentinien jetzt eine kreative Lösung: Süßigkeiten lösen die Peso-Münzen ab.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

1982 lief eine Tragikomödie in den argentinischen Kinos an, "Plata dulce", auf Deutsch so viel wie "Der süße Zaster". Damals herrschte in dem südamerikanischen Land noch eine brutale Militärdiktatur. Die Generäle überzogen die Bevölkerung mit Terror, gleichzeitig stürzten sie die Wirtschaft ins Chaos. Und so erzählte der Film die Geschichte zweier Unternehmer: Während der eine versucht, seine Fabrik am Laufen zu halten, setzt der andere auf die vom Militär angeheizte Finanzspekulation, das leicht verdiente, süße Geld, la plata dulce.

Der Film war höchst erfolgreich, ein Happy End aber gab es nicht, weder im Kino noch im richtigen Leben. 1983 kehrten die Generäle zwar in die Kasernen zurück, sie hinterließen aber geschätzte 30 000 Tote und einen gigantischen Schuldenberg. Von da an ging es immer weiter bergab, Hyperinflation, Kapitalflucht und drei Staatsbankrotte allein im neuen Jahrtausend. Mittlerweile lebt in dem einst so reichen Argentinien knapp die Hälfte der Menschen unter der Armutsgrenze. Und selbst die eigentlich nur bildlich gemeinte Bezeichnung vom "süßen Geld" ist längst traurige Realität geworden.

So sorgte vor Kurzem das Foto einer Großpackung mit 400 Minzbonbons im Internet für Aufregung, weil auf ihr prominent ein Siegel prangte: "Ideal als Wechselgeld". Für viele Argentinier war der Hinweis eine weitere Eskalationsstufe in einem leidigen Phänomen ihres alltäglichen Lebens: Tatsächlich liegen in den Kassen der Kioske und Mini-Supermärkte im Land immer öfter Süßigkeiten statt Münzen.

Der Grund dafür ist die Inflation: In Argentinien verfällt der Wert der Landeswährung so schnell wie kaum sonst wo auf der Welt. Bekam man vor zehn Jahren für einen Euro noch rund sechs Peso, waren es im vergangenen Jahr schon 76 und heute sind es sogar 116 - offizieller Kurs, wohlgemerkt, denn in den illegalen Wechselstuben geht es derzeit zügig auf die 200er-Marke zu.

Die Centavos, die eigentlich die kleinste Einheit der Landeswährung bilden, sind längst so gut wie verschwunden, und auch die Peso-Münzen werden immer seltener. Viele Ladenbesitzer wollen sich nicht mehr umständlich um Wechselgeld kümmern, das zu allem Überfluss schon morgen noch weniger wert sein könnte. Also runden sie einfach ab - oder aber sie greifen zu Süßwaren: "No hay monedas", heißt es dann, tut mir leid, keine Münzen. "Darf's stattdessen ein Bonbon sein?"

Viele Argentinier sind davon genervt, wirkt das Zuckerzeug doch wie Salz in ihren vom Wirtschaftswahnsinn gerissenen Wunden. Andere dagegen haben lieber Bonbons in der Tasche, die man lutschen kann, als einen Haufen Geld im Portemonnaie, mit dem man sich immer weniger kaufen kann. Ohnehin, sagen argentinische Analysten, seien Süßigkeiten keine schlechte Anlage, verlören sie doch weniger schnell an Wert als andere Lebensmittel.

Und so ist es wie immer in dem Land: Das Leben ist ein Tango, mal bitter, mal zuckersüß. "Geld, Geld, Geld", sang schon der große Alberto Podestá, "verflucht seist du! Ein Schrei der Verachtung all derjenigen, die für dich ihr Herz verkaufen mussten". Wer gestern reich war, ist heute arm, und am Ende bleibt nur der fahle Geschmack zerplatzter Träume.

Glücklich sind all diejenigen, die für solche Momente ein Minzbonbon in der Hosentasche haben.

© SZ
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