Argentinien Der Preis der Öffnung

Wenn die Strompreise um 700 Prozent steigen: Präsident Macris neoliberaler Wirtschaftskurs treibt die Menschen in Buenos Aires auf die Straße.

(Foto: Eitan Abramovich/AFP)

Präsident Mauricio Macri hat sein Land aus der Isolation geführt. Der Preis, den Argentinien dafür zahlt, ist enorm - für die Menschen macht sein neoliberaler Wirtschaftskurs das Leben unerschwinglich.

Von Boris Herrman, Rio de Janeiro

Für den 10. Juli war im argentinischen La Plata ein "Fußballspiel für den Frieden" angesetzt. Bei der Charity-Veranstaltung einer päpstlichen Stiftung sollten einige der besten Spieler des Landes antreten, darunter auch Lionel Messi. Dass dieses Spiel nun ausfällt, hat nichts mit Messis Rücktritt aus der Nationalelf zu tun. Ein anderer berühmter Argentinier hat es abgesagt: Franziskus.

Der Papst hat ein weiteres Mal sein Unbehagen gegenüber dem argentinischen Präsidenten Mauricio Macri zur Schau gestellt. Dessen Regierung hatte derselben Stiftung vor einigen Wochen eine Spende von knapp 17 Millionen Pesos zukommen lassen, die auf Anordnung aus dem Vatikan in aller Unhöflichkeit zurückgewiesen wurde. Zur Begründung hieß es, mit Korruption wolle man nichts zu tun haben.

Zwei zentrale Fragen treiben die Argentinier in diesen Tagen um: Wird Messi jemals wieder im Nationaltrikot zu sehen sein? Und was ist nur los zwischen Franziskus und Macri? Dass den links denkenden Papst und den konservativen Präsidenten jenseits ihrer Staatsbürgerschaft wenig verbindet, ist keine Neuheit. Neu ist, dass sich Macri in tiefer Demut um die Beziehungspflege kümmert. Und um Messi kümmert er sich natürlich auch.

Mauricio Macri, 57, ist vor gut einem halben Jahr als der große Versöhner in den Präsidentenpalast eingezogen. Als Mann des Dialogs. Er löst also ein Wahlversprechen ein, wenn er nun den sensiblen Dribbelkönig anruft, um ihn zum Rücktritt von Rücktritt zu animieren. Oder wenn er dem Pontifex einen Brief schreibt, in dem er dessen Einsatz für Frieden lobt sowie - siehe da - dessen Kampf gegen die Korruption.

Die Korruption ist das dritte große Thema, das Argentinien derzeit beschäftigt. Je nach politischem Standpunkt stehen dabei die dubiosen Immobiliendeals der ehemaligen Präsidentin Cristina Kirchner oder die Panama-Papers im Mittelpunkt, die den aktuellen Präsidenten als Direktor einer Briefkastenfirma auf den Bahamas ausweisen. Macri hat diese Affäre wohl auch dank der zahllosen Kirchner-Affären bislang gut überstanden. So weit, dass die beiden deshalb in einen Dialog treten würden, ist es aber noch nicht.

Die bunten Themen gehen den Argentiniern auch unter ihrem neuen Dialogpräsidenten nicht aus. Unterm Radar bleiben dabei einige seiner politischen Weichenstellungen. Vergangene Woche trat Macri bei einem Treffen der sogenannten Pazifikallianz auf. Er ließ keinen Zweifel daran, dass er einen Beitritt seines Landes zur der Freihandelszone anstrebt, der etwa Chile, Kolumbien und Mexiko angehören. Den protektionistischen Wirtschaftsbund Mercosur, getragen von Argentinien sowie den Krisenstaaten Brasilien und Venezuela, hält Macri dagegen für überholt. Seine Initiative markiert eine Achsenverschiebung in Lateinamerika - das linke Jahrzehnt scheint endgültig zu Ende zu gehen.

In diesen Kontext gehört auch Macris anstehender Staatsbesuch in Berlin, am Dienstag trifft er sich mit Angela Merkel. Er hat angekündigt, dass es ihm um konkrete Zusagen für deutsche Investitionen in Argentinien geht. Dem kann wohl entsprochen werden. Der schwerreiche Unternehmersohn Macri wird gerade weltweit dafür gefeiert, dass er sein Land auf schnellstem Weg aus seiner selbst gewählten Isolation der Kirchnerjahre herausführt. Er hat den scheinbar endlosen Streit mit US-amerikanischen Hedgefonds beigelegt, allerlei Subventionen abgebaut und den Dollarkurs liberalisiert. Argentinien gilt damit wieder als anerkannter Partner auf den internationalen Finanzmärkten.

Das hat allerdings einen hohen Preis. Für einen großen Teil der heimischen Bevölkerung bedeutet Subventionsabbau schlichtweg, dass das Leben allmählich unerschwinglich wird. Die Preise für den öffentlichen Nahverkehr stiegen zuletzt um 100 Prozent, die Strompreise um bis zu 700 Prozent. Gleichzeitig galoppiert die Inflation voran. Argentinien gilt inzwischen als das teuerste Land Lateinamerikas. Einer Studie zufolge sind 1,4 Millionen Menschen in die Armut abgerutscht, seit Macri die Regierungsgeschäfte übernommen hat. Nicht nur der argentinische Papst hat deshalb "mehr Sensibilität" für die sozialen Probleme im Land eingefordert. Regelmäßig gibt es Massendemonstrationen.

Macri setzt darauf, dass in der zweiten Jahreshälfte die positiven Nachrichten eintrudeln. Die erste Juliwoche scheint schon einmal gut zu beginnen. Papst Franziskus hat gerade erklärt, er habe "nicht das geringste Problem" mit Macri. Und Lionel Messi hat sich dem Vernehmen nach bereits zu einer Rückkehr in die Nationalelf entschieden.