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Architektur:Eine Synagoge für Potsdam

Neue Synagoge Berlin

(Foto: Haberland Architekten)

Nach 15 Jahren Streit kann das Gotteshaus nun wohl endlich gebaut werden. In den kommenden Wochen soll eine Vereinbarung getroffen werden. Aber nicht alle sind zufrieden.

Von Jan Heidtmann, Berlin

In der Sprache der Immobilienentwickler und Makler ist die Schloßstraße Nr. 1 das, was man Filetgrundstück nennt. Direkt gegenüber liegt lang gestreckt das prächtige Gebäude des Potsdamer Filmmuseums, auf der anderen Seite der Friedrich-Ebert-Straße dann der wiederaufgebaute Brandenburgische Landtag mitsamt Nikolaikirche. Auf dem Grundstück selbst ist jedoch nur Stillstand zu betrachten: eine vor Jahren ausgehobene Baugrube, kaum noch zu erkennen unter den wuchernden Gräsern und Sträuchern. Der Streit um die Bebauung wird dafür mit um so mehr Vehemenz geführt - seit über 15 Jahren.

An diesem Freitag nun hat Brandenburgs Kulturministerin Manja Schüle, SPD, verkündet: "Wir bauen die Synagoge für die Jüdinnen und Juden in unserem Land." Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden Brandenburg und der Landesverband West hätten zugesichert, das Projekt mitzutragen. "Damit wird der Zustand wiederhergestellt, der durch den Staatsvertrag aus dem Jahr 2005 angestrebt wurde", so Schüle: "Die Mitverantwortung der jüdischen Gemeinde in Brandenburg für die Synagoge in Potsdam." Noch in diesem Jahr soll der Grundstein gelegt werden, im kommenden wäre dann Baubeginn, 2023 soll das Gotteshaus stehen. Es wäre das Richtfest eines Bauprojektes mit den nerventötenden Qualitäten des Flughafenprojektes BER. Nur, dass die Bauherrin, das Land Brandenburg, weniger mit technischen als vielmehr mit allerhand menschlichen Komplikationen zu kämpfen hatte.

Schon 1998 hatte der frühere Ministerpräsident Manfred Stolpe eine Synagoge für die wachsende jüdische Gemeinde in Brandenburg gefordert. Der alte Bau war 1938 von Nazis geschändet und dann von Bomben zerstört worden. In der DDR wurde das Gebäude nicht wieder aufgebaut, Potsdam ist bis heute die einzige Landeshauptstadt ohne Synagoge. Die Regierung übernahm daher die Bauherrenschaft, ein sehr ungewöhnlicher Schritt für ein religiöses Gebäude. Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben, 2010 gewann der Entwurf des Berliner Büros Haberland Architekten. Es war der Beginn der Auseinandersetzungen, vor allem der jüdischen Gemeinden untereinander, es kam sogar zu Abspaltungen. Die eine Seite unterstützte die eher zeitgenössische Interpretation einer Synagoge in dem Entwurf aus dem Büro Haberland, die andere plädierte für ein eher historisierendes Synagogengebäude.

Zusätzlich kompliziert wurde der Streit durch die Bruchlinien innerhalb der Gemeinde mit ihren etwa 1000 Mitgliedern - zwischen Juden aus der ehemaligen Sowjetunion und denen aus anderen Regionen. Der Wortführer der Gegner des Haberland-Entwurfs ist der israelische Dirigent Ud Joffe, der 2010 die Synagogengemeinde Potsdam gründete. Er wird unterstützt von einem Förderverein, dessen Leiter sich für den getreu-historischen Wiederaufbau Potsdams einsetzt. Die Auseinandersetzung war schließlich so unversöhnlich, dass das Land ein Moratorium erließ.

Acht Jahre später, 2018, näherten sich die Gemeinden wieder an, nur, um wenig später erneut heftig aneinanderzugeraten. Wenn nicht um die Fassade gestritten wurde, ging es um die Nutzung im Innern: Darf der Gebetsraum im ersten Stock sein oder muss er in den obersten Stock, wie es die Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde Brandenburg e.V. forderte? Ein paar Monate ging es nervenaufreibend Hin und Her, bis Joffe 2019 plötzlich selbst die Laien-Skizze einer Synagoge vorlegte. Der Berliner Architekt Jost Haberland nahm dessen Vorschläge dennoch auf und legte einen neuen Entwurf vor, dem zwei der Gemeinden schließlich zustimmten. Der Frieden hielt bis Mitte Juni diesen Jahres.

Da sich die Gemeinden in Potsdam also ganz offensichtlich nicht auf einen Entwurf einigen können, hat das Land nun die Jüdischen Landesverbände dazugeholt. In den kommenden Wochen soll eine Vereinbarung getroffen werden. Ob die dann hält, ist offen. Ud Joffe von der Synagogengemeinde nennt das Vorgehen des Landes jedenfalls schon mal "eine hässliche Vergewaltigung". Seine Gemeinde ist Mitglied im Landesverband West. Am 2. Juli sei dort Vorstandssitzung, da wolle er das Thema noch mal ansprechen.

© SZ vom 20.06.2020

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