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Arbeitsmigranten in Saudi-Arabien:Ausgenutzt und eingesperrt

Frauen in Addis Abeba, aus Saudi-Arabien ausgeflogen

Ähtiopische Frauen, die aus Saudi-Arabien ausgewiesen wurden, warten 2017 in Addis Abeba darauf, von ihrer Familie abgeholt zu werden.

(Foto: Mulugeta Ayene/AP)

In arabischen Ländern leben Tausende Arbeitsmigranten aus Afrika unter unwürdigen Bedingungen in Lagern. Eine Menschenrechtsorganisation wirft den Golfstaaten einen Rassismus vor, der "bis zur Perfektion strukturiert" sei.

Von Bernd Dörries, Kapstadt, und Dunja Ramadan

Hunderte Männer liegen auf dem blanken Boden, viele mit nacktem Oberkörper. Die Männer schauen apathisch, manche zeigen Narben auf ihrem Rücken. Es sind Bilder aus Saudi-Arabien, einem der reichsten Länder der Welt, die nach Angaben des Daily Telegraph von äthiopischen Migranten aufgenommen wurden - von jungen Männern also, die an den Golf kamen, um zu arbeiten. Nun werden sie nicht mehr gebraucht und in verschiedenen Unterkünften festgehalten, die wie Internierungslager aussehen.

"Es ist die Hölle, wir werden behandelt wie Tiere und jeden Tag geschlagen", berichtet ein junger Äthiopier. Einige Insassen hätten sich bereits umgebracht, die wenigen Toiletten seien mit Fäkalien überschwemmt, Trinkwasser gebe es kaum. Der äthiopische Generalkonsul im saudischen Dschidda berichtete, dass es dort 53 Gefängnisse gebe, in denen Äthiopier festsitzen. In einem sogar 16 000 Menschen.

Menschenrechtsorganisationen forderten Saudi-Arabien auf, für humane Bedingungen zu sorgen und die Lager aufzulösen. Die saudische Botschaft in London versprach Aufklärung, die Bilder seien "schockierend und nicht akzeptabel".

Am Flughafen von Addis Abeba werden regelmäßig Leichen toter Gastarbeiter ausgeladen

Sie decken sich aber mit dem, was Gastarbeiter seit Jahren aus vielen Staaten am Golf berichten, wo sie von ihren Arbeitgebern wie Sklaven gehalten und oft missbraucht würden. Die lokale Gesetzgebung macht die Migranten fast vollkommen von ihren Arbeitgebern abhängig, gewährt oft nicht einmal minimale Arbeitsrechte. Wer sich beschwert, wird im besten Fall einfach hinausgeworfen, aus freien Stücken zu gehen, ist gleichzeitig nicht möglich - Arbeitsmigranten müssen ihre Pässe beim Arbeitgeber abgeben. Nicht selten kommt es zu Gewalt gegen die Angestellten. Die äthiopische Zeitung Addis Standard berichtete, dass am Flughafen Addis Abeba regelmäßig die Leichen von Gastarbeiterinnen aus arabischen Staaten ankommen.

Die Zustände in Saudi-Arabien waren selbst der äthiopischen Regierung zwischenzeitlich zu grausam, 2016 untersagte sie ihren Bürgern, zum Arbeiten in das Land zu gehen, vergangenes Jahr wurde das Verbot wieder aufgehoben. Wohl nicht, weil sich die Zustände grundlegend geändert haben, sondern aus ökonomischer Notwendigkeit. Millionen Gastarbeiter aus Asien und Ostafrika arbeiten im Königreich, meist als Haushaltshilfen oder Bauarbeiter - und schicken trotz schlechter Bezahlung Geld in die Heimat, das dort dringend benötigt wird.

Viele sind in den vergangenen Jahren jedoch überflüssig geworden, seit Kronprinz Muhammad bin Salman seine Landsleute dazu aufgerufen hat, verstärkt Saudis zu beschäftigen, um die Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Die saudische Regierung behauptet nun, Äthiopien wolle Zehntausende seiner Staatsbürger nicht zurücknehmen, was die Regierung in Addis Abeba zurückweist.

Auf ihrem Weg nach Saudi-Arabien kommen viele Äthiopier durch Jemen, wo Bürgerkrieg herrscht. In ihren Zielländern finden die Migranten zwar Arbeit, werden aber oft misshandelt und ausgebeutet.

(Foto: Nariman El-Mofty/AP)

Der Rassismus in den Golfstaaten sei "bis zur Perfektion strukturiert", schreibt Vani Saraswathi von der Organisation Migrant Rights, die sich unter anderem für die Rechte von Gastarbeitern einsetzt. In anderen wohlhabenden Ländern gebe es gemischte Nachbarschaften, öffentliche Verkehrsmittel und Einrichtungen, die von allen genutzt werden. In den Golfstaaten herrsche letztlich "Segregation".

Seit Ausbruch der Corona-Krise hat sich das gesellschaftliche Klima weiter verschlechtert. Afrikanische Migranten berichten von rassistischer Diskriminierung durch ihre Arbeitgeber. So hätten diese Angst, dass sie potenzielle Übertrager des Virus seien. Sie verbieten ihnen aus dem Haus zu gehen und Freunde zu treffen. Oder werfen sie einfach ganz raus.

Abgeladen vor dem Konsulat

In Libanons Hauptstadt Beirut haben Arbeitgeber ihre äthiopischen Angestellten einfach vor dem Konsulat des Landes abgeladen. Ein Meer aus Matratzen entstand dort mitten auf der Straße im Stadtviertel Hazmiyeh. Dazwischen: Koffer, Wasserflaschen und Hunderte Frauen, denen nichts geblieben ist. Monatelang campierten sie vor der Auslandsvertretung, denn sie wollten nur eins: zurück in die Heimat.

Vor der Pandemie arbeiteten sie als Hausmädchen, ihre Anzahl wird auf landesweit fast 200 000 geschätzt. Bevor Corona das Land traf, kämpften große Teile der Mittelschicht bereits wegen einer Wirtschafts- und Währungskrise um ihre Existenz. Doch nun konnten viele ihre Hausmädchen, Fahrer, Nannys nicht mehr bezahlen, Tausende Arbeitsmigranten standen oft ohne einen Cent Lohn auf der Straße - und erst recht ohne Rückflugticket, das mehrere Hundert Dollar kostet. "Libanon hat sich in ein großes Gefängnis verwandelt, weit weg von ihrem Zuhause", schreibt die Organisation Kafia, Arabisch für "genug", die sich gegen Gewalt gegen Frauen einsetzt.

Viele Migranten schickten in den vergangenen Wochen emotionale Botschaften über die sozialen Netzwerke, baten ihre Regierungen, sie zurückzuholen. Doch meist kam keine Hilfe. Nach der verheerenden Explosion in Beirut meldete sich ausgerechnet der äthiopische Ministerpräsident und Friedensnobelpreisträger zu Wort, Abiy Ahmed. Er drückte erst sein Bedauern aus, um dann zu schreiben: "Ich ermutige die in Beirut lebenden Äthiopier, sich mit dem Konsulat in Verbindung zu setzen, so können sie sich bei einer solchen Tortur gegenseitig helfen." Für viele gestrandete Äthiopier klang dies wie blanker Hohn.

Anfang der Woche konnten immerhin 94 Äthiopierinnen in die Heimat zurückkehren, die in Beirut unter schwierigen Bedingungen lebten. Die Kosten wurden von Hilfsorganisationen und Einzelpersonen beglichen. Eine gemeinnützige Organisation bedankte sich bei den Spendern: "Ihre Großzügigkeit hat dafür gesorgt, dass die Albträume dieser Frauen ein Ende haben."

Korrektur: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Abiy Ahmed sei Präsident Äthiopiens. Das ist falsch: Er ist Ministerpräsident.

© SZ vom 18.09.2020
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