Arbeitsmarkt:Plötzlich verschollen

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Unternehmen werben um neue Mitarbeiter - nicht immer mit Erfolg.

Von Benedikt Peters

Es gibt viele schöne Jugendwörter. Die ARD-Nachrichtensprecherin Susanne Daubner hat darauf vergangenes Jahr mit dem folgenden Satz hingewiesen: "Ey Digga, wie fly ist eigentlich die Tagesschau, wenn sie mit Jugendwörtern flext?" Daubner wollte damit zum Ausdruck bringen, die Tagesschau sei ob ihres selbstbewussten Umgangs (flexen) mit eben jenen Jugendwörtern angesagt (fly).

Eine weitere Schöpfung aus dem bunten Strauß jugendlicher Sprache ist das sogenannte "ghosten". Es beschreibt einen recht unangenehmen Vorgang, nämlich den des Ignoriertwerdens. Nehmen wir an, Sie wären 16 Jahre alt und der Meinung, Sie hätten auf der Wiesn den Menschen Ihrer Träume kennengelernt. Sie hätten Nummern ausgetauscht, doch Ihr Schwarm würde einfach nicht mehr auf Ihre Nachrichten reagieren. Dann könnten Sie zu Ihrer Freundin sagen: "Ey, der ghostet mich!"

Solch' geisterhaftes Verhalten ist freilich nicht auf die Welt der Liebesbeziehungen beschränkt. Zu finden ist es auch in der Arbeitswelt, wie nun das Jobportal "Indeed" mitteilt. Das Ergebnis einer Umfrage unter 400 Personalern lautet: "Ghosting bei der Bewerbung: Kandidaten und Kandidatinnen ignorieren Unternehmen immer häufiger." 56 Prozent der befragten Personaler klagen demnach darüber, während eines Bewerbungsprozesses plötzlich nichts mehr von den Interessenten zu hören. Das geschehe mitunter sogar dann, wenn die Stelle bereits zugesagt sei.

Es ist ein bemerkenswerter Wandel, auf den die Umfrage hinweist. In früheren Zeiten, als die Arbeitslosigkeit in Deutschland deutlich höher war (im Jahr 2005 etwa betrug sie 4,8 Millionen), konnten viele Menschen froh sein, wenn sie überhaupt einen Job fanden. Andere wurden im Bewerbungsgespräch abgespeist mit Sätzen wie "Wir melden uns bei Ihnen" - und hörten dann nie wieder etwas. Wenn hier also jemand jemanden ghostete, dann die Firma ihre Kandidaten. Es waren ja genug da.

Das ist heute anders. Die Arbeitslosigkeit ist trotz der allgegenwärtigen Krise auf einem Tiefstand (2021: Etwa 2,6 Millionen), dafür herrscht etwas anders, nämlich Arbeiterlosigkeit. Ökonomen und Kommentatoren sprechen meist vom "Fachkräftemangel", dabei geht es längst nicht mehr nur um gut ausgebildete, sondern um alle Arbeitnehmer. Es fehlt an Kellnern und Paketbotinnen, an Möbelverkäufern und Bäckerinnen, an Zahntechnikern und Ingenieurinnen. Und noch an vielen weiteren: Die Liste der sogenannten "Engpassberufe" der Bundesagentur für Arbeit zählt inzwischen 148 Professionen.

Die Bundesregierung rief kürzlich zum großen Gipfel, sie will den Mangel bekämpfen. Für Engpassberufe soll gezielt Werbung gemacht werden, außerdem soll es Anreize für Frauen und Ältere geben, damit mehr von ihnen arbeiten. Weiterbildung soll stärker gefördert werden als bisher, wie genau, das will die Koalition an diesem Dienstag vorstellen. Außerdem sollen mehr Arbeitskräfte aus dem Ausland nach Deutschland kommen.

Hat die Strategie der Bundesregierung Erfolg, dann dürfte das auch dazu führen, dass nicht mehr so viele Firmen von ihren Bewerbern geghostet werden. Das wäre doch eine recht positive Entwicklung, oder, um noch ein weiteres Jugendwort zu bemühen: Es wäre ziemlich nicenstein.

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