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Arbeitsmarkt:Jeder tue, was er kann

Die gute Nachricht in der Krise: IG Metall und Arbeitgeber finden still zu einem neuen Tarifvertrag. Das sollte beispielgebend sein, um Millionen Menschen in der Krise ihren Job zu retten.

Wer derzeit nach etwas Anlass zu Zuversicht sucht, dem kann man zum Wochenende nicht bloß ein Fünkchen, sondern immerhin eine Taschenlampe bieten. Das eine ist ja, dass Menschen sich sorgen um die Gesundheit - oder darum, wie die Welt insgesamt beschaffen sein wird, wenn dieses Virus eines Tages eingedämmt ist. Das andere sind die Ängste um die ökonomische Existenz: Wie zahle ich meine Miete? Die Versicherungen? Das Auto? Drei Millionen Arbeitnehmer und ihre Angehörigen haben Anlass, zumindest in dieser Hinsicht ein wenig durchzuatmen.

Die Arbeitgeber der Metall- und Elektroindustrie sowie die IG Metall haben auf sämtliche Rituale verzichtet, die sonst zu einer Tarifrunde gehören wie die Forsythie zum Frühling. In aller Stille haben einige der ausgeglichensten, diplomatischsten Charaktere beider Organisationen einen Tarifvertrag vereinbart, der den Beschäftigten ihren Job, 80 Prozent ihres Nettolohns und auch noch etwas Zeit für all die Schul- und Kindergartenkinder daheim sichern soll. Ohne diese Regelung wären all diejenigen, die sehr bald in Kurzarbeit müssen, auf ein Kurzarbeitergeld zurückgeworfen worden, das 67 Prozent eines Nettolohns beträgt - oder sogar 60 Prozent, falls man keine Kinder hat. Wer könnte so etwas verkraften, von einem Tag auf den anderen?

Ja, es ist richtig, dass der Staat die vorübergehende Beteiligung an Firmen oder gar deren Übernahme erwägt, Finanzgarantien und anderes mehr. Aber letztlich besteht "der Staat" aus der Gesamtheit seiner Bürger - die im Idealfall nicht nur auf Altmaier, Scholz und Heil warten, sondern auch Dinge selbst in die Hand nehmen. Insofern ist das, was die beiden nordrhein-westfälischen Unterhändler von IG Metall und Arbeitgebern, Knut Giesler und Arndt G. Kirchhoff, in aller Diskretion zustandegebracht haben, ein Hoffnung gebendes Beispiel von Bürgersinn. Daran ändert nichts, dass die Arbeitgeber in Baden-Württemberg noch zögern, ihren Pilotabschluss zu übernehmen. Daran ändert auch nichts, dass sie sich bei der Kurzarbeit eines Kniffs bedienen, der Arbeitnehmern und Betrieben hilft, die Sozialversicherung jedoch belastet. Der Schaden auch für Letztere wäre größer, brächen die Betriebe der Metall- und Elektroindustrie zusammen. Es wird in nächster Zeit manche Branchen geben, die sich an dieser Einigung orientieren werden; noch am Freitag hat die Chemie mit einer für ihre 600 000 Beschäftigten passenden Regelung nachgelegt. Es wird aber auch Branchen geben, in denen dies schon deshalb nicht der Fall sein dürfte, weil dort Tarifparteien kaum Bedeutung haben. Eine Friseurin bekommt monatlich nicht mal halb so viel wie ein Metaller - eigentlich müsste sie derzeit eine Gefahrenzulage erhalten. Viele in dem Beruf wissen nicht, was schlimmer wäre: weiterzuarbeiten (sie dürfen zum Teil ja)oder auf 67 oder 60 Prozent Kurzarbeitergeld gesetzt zu werden.

Für diese Menschen werden regierende Politiker sich etwas einfallen lassen müssen. Andernfalls führt Corona dazu, dass ohnehin schon Benachteiligte noch weiter benachteiligt werden. Vom bayerischen Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger kommt der Tipp, beim Spargelstechen zu helfen. Sollte dies sein Verständnis von Staatshilfe für diesen Personenkreis sein: Da darf gern noch mehr kommen.

© SZ vom 21.03.2020

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