Süddeutsche Zeitung

Arbeitskampf:Ihr müsst draußen bleiben!

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Warum eine Firma in Sachsen auf ein fast vergessenes Mittel im Arbeitskampf zurückgreift: die Aussperrung.

Von Benedikt Peters

Manch einer, der sich morgens zur Arbeit schleppt, mag den Gedanken zunächst einmal gar nicht schlecht finden: Was, wenn nun die Bürotür verschlossen wäre, einfach so? Man ginge wieder nach Hause, legte die Füße hoch und ließe die Arbeit Arbeit sein. Wobei sich, bei genauerer Betrachtung, doch gewisse Anschlussfragen stellten: Was tun mit der freien Zeit, und, wichtiger noch: Wer zahlt nun den Lohn, wer die Miete?

Es sind Fragen, die sich jetzt auch etwa 90 Mitarbeiter von SRW Metalfloat, einem Recyclingunternehmen aus dem sächsischen Rötha, stellen müssen. Als sie vor wenigen Tagen zur Frühschicht einrücken wollten, wurden sie am Eingangstor von einem Sicherheitsdienst empfangen, der sie nicht aufs Gelände ließ. Auch die Transponder, mit denen sich die Mitarbeiter sonst Zutritt verschafften, hätten nicht mehr funktioniert, wissen lokale Medien zu berichten.

Die Führungsetage des Unternehmens bedient sich damit eines Instruments aus dem Reich der Arbeitskämpfe, das in der Bundesrepublik schon fast in Vergessenheit geraten ist. Nicht bloß Arbeitnehmer können streiken, auch wenn das in den vergangenen Jahren das gängige Bild gewesen ist, mit Erziehern im Ausstand, mit Flugbegleitern, Postboten und natürlich den Lokführern. Der Arbeitgeber kann den Spieß auch umdrehen und seine Angestellten vor die Tür setzen. Solche Aussperrungen waren einst nicht ungewöhnlich. Während des "Ruhreisenstreits" 1928 etwa wiesen Industriebarone Hunderttausenden Arbeitern die Tür. Ähnlich war es noch in den 1980er-Jahren beim Kampf um die 35-Stunden-Woche in der Metallindustrie. Das Ziel: Die Aussperrungen sollten den Streikwillen der Massen brechen.

Auch bei SRW Metalfloat, dem Recycler aus Sachsen, dürfte dies das Kalkül gewesen sein. Das zeigt die Vorgeschichte der Aussperrung: In der Firma, hinter der ein chinesischer Investor steht, gilt bisher kein Tarifvertrag. Viele der Beschäftigten, die am Fließband stehen und Schrottteile sortieren, verdienen nur knapp über dem Mindestlohn. Der Betriebsrat und die Gewerkschaft IG Metall hatten deshalb im Herbst versucht, einen Tarifvertrag und damit bessere Löhne auszuhandeln, die Firma aber lehnte ab. Sie befindet sich in guter Gesellschaft mit anderen ausländischen Unternehmen, die von Lohnpolitik made in Germany nichts halten: Die Riesen Amazon und Tesla etwa tun alles, um an ihren hiesigen Standorten Tarifverträge zu verhindern.

Beim Recycler SRW folgte auf die gescheiterten Verhandlungen das übliche Drehbuch des Arbeitskampfs: Urabstimmung, dann unbefristeter Streik. Die Hartnäckigsten blieben fast sechs Monate im Ausstand, doch das Unternehmen gab nicht nach. Mit der Hälfte der Belegschaft, die nicht streikte, hielt es den Betrieb aufrecht - und weist den aufmüpfigen Angestellten jetzt, wo sie ihren Arbeitskampf unterbrechen wollten, die Tür. Die Aussperrung soll bis Ende Mai gelten. Immerhin, die Geldfrage ist inzwischen gelöst: Die IG Metall zahlt den Ausgesperrten Streikgeld, etwa 350 Euro die Woche.

"Ohne Tarifvertrag ist alles Schrott" - so lautet das Motto, unter dem die Gewerkschaft bei der Recyclingfirma bald wieder verhandeln möchte. Doch es sieht nicht so aus, als könnte sie die Manager damit überzeugen.

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