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Arabische Welt im Umbruch:Die Sicherheitsarchitektur verändert sich

Die Dschihadisten hingegen sind in Deckung gegangen und plötzlich erkennbar als das, was sie immer waren: eine Minderheit. Selbst die Muslimbruderschaft wird nun - einmal ans Licht gezogen - in all ihren Schattierungen erkennbar: Moderate und Soziale, Radikale und auch Extremisten. In dieser Heterogenität wird sie nur opponieren, aber nicht gestalten können.

Und drittens spielen Israel und das ungelöste Staatenproblem der Palästinenser keine Rolle in den Aufstandsbewegungen. Die Bedeutung Israels als strategischer Schlussstein einer komplexen sicherheitspolitischen Architektur für die gesamte Region hat sich schlagartig reduziert. Alles Wehen und Trachten des Westens wird nun nicht mehr nur von Israel ausgehen und auf Israel zulaufen können. Die Regierung in Jerusalem könnte ihren Charakter als Brückenkopf der demokratischen Welt in einer autokratisch-fanatischen Nachbarschaft verlieren. Noch ist es nicht so weit, aber Israels strategische Rolle verändert sich in einem atemberaubenden Tempo, während die Regierung von Benjamin Netanjahu wie erstarrt wirkt.

Wer helfen will, sollte keine Doktrin schreiben

Eine Revolte ohne den Westen in der Rolle des revolutionären Vorbildes, der Bedeutungsschwund der Islamisten und die Relativierung des israelisch-palästinensischen Konflikts - das sind die drei großen Botschaften, die eine Neukalibrierung der westlichen Politik gegenüber Nahost erzwingen könnten.

Dabei darf die wichtigste Erkenntnis der Revolten nicht unterschätzt werden: Die Aufstandsbewegungen sind so stark, gerade weil sie ihre Herrscher ohne fremde Hilfe verjagt haben. Die Freude über die neue Freiheit ist so groß, gerade weil sie selbst errungen wurde. Sie wirkt nur deshalb auch als Vorbild in Libyen und Iran, weil die Demonstranten an sich und sonst keinen glauben müssen.

Hier liegt die eigentliche Botschaft der Tahrir-Demonstranten an den Westen: Euer System mag das richtige sein, aber wir müssen es uns selbst erkämpfen. Jede Bevormundung des Westens hat exakt jener Repression geholfen, die eine ganze Region erstarren ließ. Wer also der Demokratiebewegung in der arabischen Welt helfen will, der sollte keine Doktrin schreiben. Er sollte warten, bis er um Hilfe gebeten wird, und dann den neuen Demokraten tatkräftig zur Seite stehen.