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Arabische Halbinsel:Tod des ewigen Herrschers

Der Neue: Haitham bin Tarik al-Said, 65, hat in Oxford studiert und war bisher Kulturminister.

(Foto: AFP)

50 Jahre lang hat Sultan Qabus Oman regiert, am Freitag ist er gestorben. Sein Nachfolger kündigt an, die Außenpolitik des Landes fortzusetzen. Diese war auf Ausgleich bedacht.

Es ist der erste regnerische Tag seit Wochen, der sonst wolkenlose, blaue Himmel über der Hauptstadt Maskat ist grau. Doch die Omanis lieben dieses Wetter, also joggen einige an der Corniche von Mutrah, wo mittlerweile auch internationale Kreuzfahrtschiffe anlegen. Franzosen, Italiener und Deutsche erkunden hier zu Fuß den bekanntesten Markt der Stadt, sie ziehen vorbei an Weihrauchwolken und dem grüßenden Sultan Qabos, der überall im Land seine Hand zum Gruße hebt.

Anders als die Autokraten in den benachbarten Golfstaaten ist es kein strenger oder kühner Blick, mit dem er seine Landsleute begrüßt, sondern ein gutmütiger, fast zurückhaltender Gruß. Was all diese Menschen an diesem Tag noch nicht wissen: Der 79-jährige Herrscher liegt im Sterben, am späten Freitagabend wird sein Tod verkündet.

Obwohl sein Krebsleiden seit Jahren auch im Ausland bekannt war - zur Genesung verweilte der Sultan oft in München oder in seinem Anwesen in Garmisch-Partenkirchen - befindet sich das Land seit Freitagabend im Schockzustand. Als die Nachricht von seinem Tod bekannt wird, patrouillieren Panzer und Soldaten in den Straßen von Maskat - ein ungewöhnliches Bild in einer Stadt, in der sonst jegliche Aufregung fehlt. Hier gibt es nicht einmal Feierabendstaus, dafür jede paar Meter eine Radarfalle. Doch Sultan Qabus stirbt in einer Zeit, in der die Region nach der Tötung des iranischen Generals Qassem Soleimani durch die USA in Aufruhr ist. Es vergehen deshalb nicht einmal 24 Stunden - und der kinderlose Sultan Qabus hat bereits einen Nachfolger.

Sein Cousin Haitham bin Tarik al-Said übernimmt die Herrschaft. Der 65-Jährige war bislang Kulturminister, er hat in Oxford studiert und war Vorsitzender des Komitees für Omans "Vision 2040", ein Fahrplan für soziale und wirtschaftliche Reformen für eine Zeit nach dem Öl. In seiner ersten Rede verspricht Haitham bin Tarik, dass er die außenpolitische Linie Sultan Qabus' weiterführen wird, er spricht von "friedlichem Zusammenleben", "guter Nachbarschaft" und "keine Einmischung in die Souveranität anderer Länder".

Was innenpolitisch aber fast noch wichtiger ist: Es war der populäre Sultan, der ihn in seinem Testament als Nachfolger auserkoren hatte. Sein Brief wurde im Staatsfernsehen geöffnet und verlesen. Haitham bin Tarik al-Said hätte keinen besseren Fürsprecher haben können. Das wusste die Herrscherfamilie, denn sie verzichtete darauf, einen Nachfolger aus ihren Reihen zu küren, wie es die Verfassung vorsah - und folgte dem Willen des Sultans.

Mit dem Tod von Sultan Qabus geht nun eine Ära zu Ende - und zwar für die gesamte arabische Welt. Der 79-Jährige war in einer Region, in der Langzeitherrscher eher Regel als Ausnahme sind, Spitzenreiter. Fünfzig Jahre lang war Qabus so ziemlich alles was man in einem Land sein kann: Premierminister, Außenminister, Verteidigungsminister und Zentralbankchef. Im Zuge des sogenannten Arabischen Frühlings 2011 kritisierten einige seiner Landsleute diese Machtfülle.

Der Sultan ging gegen seine Kritiker vor, Dissidenten wurden eingeschüchtert oder eingesperrt. Obwohl die Mehrheit der Demonstranten nur politische Reformen und keinen Regimesturz forderten, gingen Sicherheitskräfte gewaltsam gegen sie vor. Eine breite Unterstützung hatten die Demonstranten allerdings nicht - denn trotz seiner Machtfülle wurde er bis zu seinem Tod von der Mehrheit seiner Landsleute geliebt. Denn diese Macht, so findet die Mehrheit der Omanis, hat "der Vater" zu ihren Gunsten ausgeübt.

Egal mit wem man spricht, egal in welcher Stadt, ob im modernen Maskat, in der entlegenen Hafenstadt Sur oder im fast 1000 Kilometer entfernten Salalah im Süden, wo Sultan Qabus geboren wurde. Alle scheinen zu wissen, was sie ihm zu verdanken haben. Sie erzählen von ihren Eltern, allesamt Analphabeten, die von der Außenwelt abgeschnitten waren. Und dann erzählen sie von sich, von ihrem Leben, ihrer kostenlosen Schul- und Universitätsausbildung, ihren Auslandsaufenthalten, ihren Sprachkenntnissen. Sie haben ihm alles zu verdanken, sagen sie.

Als Sultan Qabus in ihrem Alter war, Ende zwanzig, stürzte er seinen Vater Said ibn Taimur, der daraufhin ins Exil nach London ging. Das war 1970. Damals, so sagen die Omanis, gab es nur wenige Kilometer asphaltierte Straßen und drei öffentliche Schulen - in einem Land, das fast so groß ist wie Deutschland. Sein Vater war ein ungeschickter Herrscher, er schottete das Land ab und misstraute seinen Landsleuten - erst als im vernachlässigten Süden des Landes, in Dhofar, ein Aufstand losbrach, entschied sich sein Sohn, Sultan Qabus, zu handeln. Den Rebellen in Dhofar bat er Amnestie an, aber erst nachdem er sie mit britischer und iranischer Unterstützung militärisch bekämpft hatte.

Mit seiner Machtübernahme brach im Sultanat eine neue Zeitrechnung an - symbolisch steht dafür der prunkvolle Uhrturm in Salalah. Qabus inszenierte sich als Gründer der "al-nahda al-haditha", der modernen Renaissance. Der in Großbritannien ausgebildete Qabus verpasste seiner Heimat eine Rundumerneuerung, allerdings ohne dabei den ursprünglichen Charakter seines Landes zu verraten. Wunderschöne Naturreservate entlang der einstigen Weihrauchstraße locken immer mehr westliche Touristen an. Es folgten landesweite Investitionen in Infrastrukturprojekte, Gesundheits- und Bildungswesen. Auch für seine Landsleute, die unter seinem Vater sozialisiert wurden, fand er einen Ausweg: Er etablierte Bildungszentren für Erwachsene, in denen sie lesen und schreiben lernten. Außerdem, und das zahlt sich bis heute für Oman aus, investierte er in die außenpolitische Diplomatie.

Rund drei Viertel der Omanis gehören der Glaubensrichtung der Ibaditen an, sind also weder Schiiten noch Sunniten. Im Konflikt um die Nachfolge des Propheten vertraten die Ibaditen die Auffassung, dass prinzipiell jeder gläubige Muslim von seiner Gemeinde zum Imam gewählt werden kann und nicht nur die Nachkommen des Propheten Mohammed. Angesichts der Rivalität zwischen den beiden Regionalmächten und deren Konfessionsstreit - dem sunnitischen Königreich Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran - erwies sich diese Position für Oman als Segen.

Auf der politischen Bühne war Sultan Qabus ein beliebter Vermittler - ob im benachbarten Jemen oder im Syrienkrieg, ob in der Katarkrise oder im Aushandeln des Atomabkommen mit Iran. Er war der Auffassung, dass man mit allen Seiten reden müsse und begrüßte sogar den israelischen Premier Benjamin Netanjahu im Oktober 2018 in Maskat.

Sein Tod wird nun von all diesen Staaten bedauert. Am Sonntag reiste Irans Außenminister Mohammad Dschawad Sarif als erster ausländischer Staatsmann nach Maskat, um den neuen Sultan zu besuchen. Auch Katars Emir Tamim bin Hamad machte sich auf den Weg. In der Region wird gerade jeder Vermittler gebraucht.

© SZ vom 13.01.2020
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