Arabische Halbinsel "Die Welt muss die Koalition zwingen, ihre Angriffe auf Jemen einzustellen"

Mohammed Ali al-Huthi, de facto Präsident um Norden Jemens, bitet zum Interview auf den zentralen Tahrir-Platz in Sanaa, aus "Sicherheitsgründen", wie er sagt.

(Foto: Paul Anton Krüger)
  • Mohammed Ali al-Huthi, de facto Präsident im Norden Jemens, fordert von den UN, sich nicht länger dem Druck Saudi-Arabiens und den Vereinigten Arabischen Emiraten zu beugen.
  • Die Huthis sind nach seinen Worten bereit, die Kontrolle über den Hafen von Hodeidah an die UN zu übergeben, der für die Versorgung des Landes lebensnotwendig ist.
  • Die Aussichten auf einen baldigen Frieden aber hält er für gering.
Interview von Paul-Anton Krüger, Sanaa

Zu Beginn der Recherche in Jemen hatte der Vertrauensmann in Sanaa die Anfrage deponiert, mit einem hochrangigen Vertreter der Huthi-Bewegung zu sprechen. Sie selbst nennt sich Ansar Allah, "Helfer Gottes". Nach Tagen des Wartens ein Anruf: Man könne Mohammed Ali al-Huthi treffen. Er ist Vorsitzender des Obersten Revolutionskomitees und de facto der Staatschef im Norden Jemens. Die Frage ist nur, wo: Der Präsidentenpalast ist eine Ruine, das Präsidialamt liegt auch in Trümmern. Als sich die Führer der Huthis Ende vergangenen Jahres dort versammelten, ließen die Saudis Bomben regnen.

Am Tahrir-Platz im Stadtzentrum wartet dann der Kontaktmann. Er fällt auf mit seinem schwarzen Anzug unter all den traditionell gekleideten Männern mit ihren Janbijas und Turbanen. Der Mittelsmann, immerhin ein Vizeminister, geht wortlos über den Platz, blickt sich immer wieder um, telefoniert. Dann biegt er in eine schmale Nebenstraße und betritt einen Friseursalon. Da sitzt Mohammed Ali al-Huthi auf dem Barbierstuhl, einen schwarzen Latz mit weißen Punkten um den Hals gebunden. Der Friseur sprüht Alkohol auf das Rasiermesser, hält die Klinge in eine Feuerzeugflamme, neben dem Präsidenten steigt eine bläuliche Stichflamme auf.

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"Es tut mir leid, dass wir uns aus Sicherheitsgründen hier treffen müssen", sagt al-Huthi, "wir können gleich noch einen Spaziergang machen." Auf Mohammed Ali al-Huthi hat die saudische Führung ein Kopfgeld von 20 Millionen Dollar ausgesetzt. Mit abgespreiztem Finger schabt der Friseur Bartstoppeln im Mundwinkel ab, tupft Duftwasser auf Wangen und Haar, dann tritt der Präsident auf die Straße. Die Schiebetür eines Kleinbusses mit verdunkelten Scheiben fliegt auf, fünf Leibwächter mit Maschinenpistolen springen heraus, al-Huthi, im blauen Blazer und mit Krummdolch im Gürtel, schlendert zwischen ihnen zum Tahrir-Platz. Passanten eilen herbei, küssen seine Hand. Im Schatten eines Baumes lässt der Präsident sich auf einer Bank nieder und beantwortet die Fragen des Journalisten aus Deutschland.

SZ: Herr Präsident, wir haben gesehen, dass in Hodeidah noch gekämpft wird, wir haben Luftangriffe hier in Sanaa erlebet. Für den 6. September hat der UN-Sondergesandte Martin Griffiths Friedensgespräche in Genf anberaumt. Welche Hoffnung haben Sie, dass damit der Krieg in Jemen beendet werden kann oder es zumindest eine landesweite Waffenruhe gibt?

Mohammed Ali Al-Huthi: Ich habe jüngst erst mit Martin Griffiths telefoniert. Die Gespräche können nur ein erster Schritt Richtung Frieden sein. Wir sind bereit zu jeder Diskussion. Wir haben nichts gegen Verhandlungen. Die Chancen auf Frieden aber hängen davon ab, ob die andere Seite den ernsthaften Willen dazu hat und mit ehrlichen Intentionen in diese Gespräche geht. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate müssen diesen Willen haben, und ebenso die Amerikaner, Briten und Franzosen und alle anderen Staaten, die die Koalition unterstützen.

Die Welt muss sie zwingen, ihre Angriffe auf Jemen einzustellen. Bombardierungen wie in Hodeidah und Sanaa gibt es in allen Provinzen Jemens. Heute haben sie in der Provinz Saada einen Schulbus angegriffen und mehr als 40 Kinder getötet. Aber es ist klar, dass das jemenitische Volk sich davon nicht einschüchtern lässt. Das haben die vergangenen vier Jahre gezeigt. Wir geben unseren Widerstand nicht auf und können das bis zum Ende durchstehen.

Es gibt eine UN-Resolution, die ja eine Grundlage für Friedensgespräche darstellt und relativ weitreichende Forderungen enthält: Den Rückzug Ihrer Milizen aus den Städten, die Rückgabe der schweren Waffen an die jemenitische Armee. Auf diesen Beschluss des Sicherheitsrates beruft sich ja auch die Koalition. Sind Sie bereit, darauf einzugehen?

Ich habe mit den Botschaftern der europäischen Staaten gesprochen, und sie haben mir auch diese Frage gestellt. Ich habe ihnen klargemacht, dass das jemenitische Volk nur über alte Waffen verfügt. Wir sind bereit, diese Waffen der Armee zu überlassen, obwohl es das jemenitische Militär ist, das gegen die Koalition kämpft. Seine Generäle sind auf unserer Seite. Was wir haben, sind Raketen, und die gehören der jemenitischen Armee. Auch diese Waffen können wieder in die Stützpunkte zurückgehen, wir haben sie nur versteckt, um sie vor den Luftangriffen zu schützen.

Wir fordern allerdings, dass auch die Waffen, die auf der anderen Seite an Terrorgruppen und Söldner geliefert werden, dann ebenfalls der Armee unterstellt werden. Wenn sie bereit sind, ihre Waffen abzugeben, werden wir unsere auch abgeben. Sie bekommen die meisten und modernsten Waffen geliefert. In den Reihen der Koalition kämpfen die gleichen Terroristen, die vor dem Krieg die jemenitische Armee attackiert haben.

Hodeidah scheint ein Schlüsselpunkt in diesem Krieg zu sein, die Schlacht die ihn entscheiden könnte, zugleich ist der Hafen lebenswichtig für die Versorgung großer Teile des Landes. Die UN und viele Staaten sind sehr besorgt wegen der Kämpfe dort. Saudi-Arabien und die Emirate fordern seit Langem, dass die UN die Kontrolle über den Hafen dort übernehmen sollen. Sind Sie dazu bereit?

Ich habe mit dem UN-Sonderbeauftragten darüber gesprochen. Wir sind dazu bereit, aber die Frage ist, ob die Koalition das auch will. Die Koalition behauptet, dass sie den Hafen schützen will. Das ist gelogen, so wie sie auch in Aden gelogen hat. Ihr geht es nicht darum, den Hafen zu schützen, sie hat etwas anderes im Sinn. Sie behauptet, dass wir Waffen durch den Hafen schmuggeln, auch das ist gelogen. Alle Schiffe werden von der Koalition inspiziert. Wie können wir dann Waffen schmuggeln? Die UN sind in Hodeidah über jede Bewegung im Hafen informiert.

Was ist die Intention der Koalition in Hodeidah, und nochmals: Sind Sie bereit, die Kontrolle über den Hafen an die UN abzugeben?

Die UN stehen unter großem politischen Druck der Koalition. Sie bekommen viel Geld von Saudi-Arabien und den Emiraten, das als Hilfe ausgegeben wird. Sie brauchen dieses Geld, damit sie arbeiten und ihren Leuten Gehälter zahlen können. Dafür sollen die UN uns erpressen. Sie geben den UN Milliarden Dollar, aber zugleich werfen sie Bomben im Wert von Milliarden Dollar auf Jemen und zerstören das Land und seine Infrastruktur. Die UN sind schwach und bekommen auch Druck von den USA. Ban-ki Moon, der ehemalige Generalsekretär, hat das bestätigt, als Saudi-Arabien auf die Liste der Länder gesetzt werden sollte, die Kinder in Kriegen töten und verstümmeln. Saudi-Arabien stand auf dieser Liste und wurde wieder gestrichen, weil es gedroht hat, seine Zahlungen an die UN einzustellen. Wir hoffen, dass der neue Generalsekretär sich nicht erpressen lässt.

Aber sind Sie bereit, den Hafen von Hodeidah den Vereinten Nationen zu übergeben?

Wir sind bereit, den Hafen den UN gemäß unseren Vereinbarungen mit dem UN-Sondergesandten Martin Griffiths zu übergeben.

Sie sind aber nicht bereit, sich aus der Stadt zurückzuziehen, wie es Saudi-Arabien und die Emirate nun fordern?

Wir haben mit dem UN-Sondergesandten Martin Griffiths über die Kontrolle des Hafens verhandelt, nicht über einen Rückzug aus der Stadt oder einen Abzug der schweren Waffen, und das ist auch so bekanntgemacht worden.

Ist eine Lösung für den Hafen von Hodeidah eine Voraussetzung für die Friedensgespräche, oder kann es die auch geben, wenn keine Lösung gefunden wird?

Die erste Runde der Gespräche sind keine Friedensgespräche, sondern ein Austausch, um Vorschläge zu hören. Die Koalition stellt weitreichende Vorbedingungen für Friedensgespräche. Der letzte UN-Sondergesandte war nicht unabhängig von der Koalition. Wir hoffen, dass das bei Martin Griffiths anders ist und er Erfolg hat mit seiner Mission. Und wir hoffen, dass alle Länder, die sagen, dass sie Frieden in Jemen wollen, ihn auch unterstützen werden.

Erwarten Sie, dass am 6. September Vertreter der Ansar Allah mit Vertretern der international anerkannten Regierung von Präsident Abd Rabbo Mansour Hadi und der Koalition an einem Tisch sitzen werden?

Wir glauben nicht, dass ein solches Treffen mit Vertretern der Hadi-Regierung Erfolg haben wird, das haben wir in der Vergangenheit gesehen. Denn diese Leute haben keinerlei Befugnis, Entscheidungen zu treffen. Wir müssen mit der Koalition direkt verhandeln und eine Linie finden. Die Koalition führt den Krieg in Jemen, und nur wenn wir mit ihnen Vereinbarungen treffen, werden sich ihre Söldner daran gebunden fühlen und die Vereinbarungen respektieren. Wenn wir mit der Koalition eine Einigung finden, dann können wir anschließend auch mit Hadi und seinen Vertretern verhandeln.

Wenn Sie direkt mit der Koalition verhandeln, würden Sie einem landesweiten Waffenstillstand zustimmen, einschließlich eines Stopps der Raketenangriffe auf Saudi-Arabien, sofern die Gegenseite ebenfalls dazu bereit ist?

Jede Vereinbarung, die die Koalition akzeptiert, werden auch wir sofort respektieren. Ich möchte den Deutschen zwei Dinge sagen: Die Milliarden, die hier für den Krieg ausgegeben werden, sind die wirklich dazu gedacht, Präsident Hadi zurück an die Macht zu bringen? Sie zerstören die Infrastruktur, Jemen ist eigentlich ein reiches Land. Die Koalition hat andere Pläne.