Süddeutsche Zeitung

Arabien:Den reichen, kleinen Bruder Katar disziplinieren

Saudi-Arabien und die Vereinigten Emirate nehmen Trumps Auftritt als Carte Blanche, um Doha abzustrafen: Sie wollen den politischen Islam vernichten und ihren Führungsanspruch durchsetzen.

Kommentar von Paul-Anton Krüger

Der traditionelle Schwerttanz, Ardah genannt, wird auf der arabischen Halbinsel aufgeführt, um die Kampfkraft eines Stammes vor einem Waffengang zu demonstrieren. Zwei Wochen nachdem US-Präsident Donald Trump sich Säbel schwingend mit dem saudischen König Salman im Takt wiegte, bricht Riad nun die diplomatischen Beziehungen zum Nachbarn Katar ab und verhängt eine Blockade gegen das Land. An diesem Schritt haben die Vereinigten Arabischen Emirate großen Anteil. Saudi-Arabiens Satellitenstaat Bahrain hat sich ihm ebenso angeschlossen wie die Generäle in Ägypten. Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Saudis und Emiratis haben Trumps Auftritt in Riad als Carte Blanche verstanden, ihre regionale Agenda ohne Rücksicht auf Verluste durchzuziehen.

Der Vorwurf, Katar unterstütze Extremisten, trifft in Teilen zwar zu; das Land hält Kontakte zu vielen bewaffneten Gruppen von den Taliban über die Hamas bis hin zu radikalen syrischen Rebellen. Der Vorwurf ist aber im Kontext der Golfstaaten ein vorgeschobenes Argument, um den Bann Katars im Westen und vor allem in den USA verkaufen zu können. Wenn es um die Verbreitung salafistischer Ideologie und indirekte Unterstützung für Terrorgruppen geht, sollten die Saudis vorsichtig sein mit dem Steinewerfen. Außerdem hat man sich auch im Westen der katarischen Kontakte immer gerne bedient, etwa um eigene Bürger aus Geiselhaft freizukaufen.

Katar zog beim Konfrontationskurs gegen Iran nicht mit

In Wahrheit geht es bei dem Konflikt in erster Linie um Katars Verhältnis zu Iran und um seine Unterstützung für die Muslimbruderschaft. Der saudische Königssohn Mohammed bin Salman und sein Einflüsterer in Abu Dhabi, Kronprinz Mohammed bin Zayed, haben in Übereinstimmung mit Trump einen aggressiven Konfrontationskurs gegen Iran eingeschlagen, zu einem Zeitpunkt, da die gemäßigten Kräfte in Teheran so stark sind, wie seit Jahren nicht mehr. Katars Emir schwenkte nicht auf diesen Kurs ein, sondern gratulierte dem iranischen Präsidenten Hassan Rohani zur Wiederwahl. Doha muss schon aufgrund seiner geografischen Lage im Golf zwischen Iran und Saudi-Arabien seine Beziehungen ausbalancieren, überdies teilt es sich mit Iran das größte Gasfeld der Welt.

Zugleich wollen Abu Dhabi und Riad mit dem politischen Islam in der arabischen Welt ein für alle Mal Schluss machen. Denn sie betrachten ihn - anders als die vor allem in Saudi-Arabien und am Golf vorherrschenden Salafisten - als zentrale Bedrohung für ihre absoluten Monarchien. Ägypten hängt sich da gerne an, versucht es doch vergeblich seit drei Jahren, die Welt zu überzeugen, dass die Muslimbruderschaft die Wurzel allen Übels und jedes Terroranschlags sei.

Internationaler Einfluss weit über die tatsächliche Größe hinaus

Saudi-Arabien und die Emirate sehen nach Jahren der Umbrüche im Arabischen Frühling und nach Amerikas Annäherung an Iran unter Barack Obama nun die Chance, ihren Führungsanspruch im sunnitischen Teil der arabischen Welt durchzusetzen. Dazu gehört es, die Achse aus Katar und der Türkei zu zerschlagen, die versucht hat, sich als alternative Macht zu etablieren und die Islamisten unterstützt, etwa in Libyen. Manche Medien und Blogger in den Emiraten und Saudi-Arabien machen kein Hehl daraus, dass es darum geht, den reichen, unbotmäßigen kleinen Bruder zu disziplinieren.

Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von zeitweise 130 000 Dollar im Jahr hat sich das Emirat mit seinen lediglich 300 000 Bürgern international politischen Einfluss weit über seine tatsächliche Größe hinaus erkauft. Ebenso wie die Stationierung von US-Truppen und die Ausrichtung von Sportveranstaltungen gehört dies zur Strategie des Emirats, sich gegen Begehrlichkeiten der großen Nachbarn abzusichern. Nun rufen manche Saudis gar danach, den Emir oder die ganze Herrscher-Familie in Katar abzulösen. Die Halbinsel sei ohnehin nur eine verlorene Provinz, die durch Fehlentscheidungen der einstigen britischen Kolonialherren als eigener Staat existiere.

Europa und Deutschland sollten sich nicht auf eine Seite schlagen

Europa und Deutschland mit seinen guten Verbindungen in die Region sollten sich nicht in diesen Strudel ziehen lassen oder gar Trumps Kardinalfehler nachmachen, sich im Konflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien auf eine Seite zu schlagen. Forderungen, Katar die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 zu entziehen, zeugen von gefährlichem Opportunismus. Nötig sind in diesem Zusammenhang Strukturreformen der Fifa. Katar mit Boykott zu drohen, bedeutet, sich mit Saudi-Arabien und den Emiraten gemein zu machen. Und das sollte Deutschland in der momentanen Situation vermeiden - wegen seiner Verantwortung für die internationale Ordnung und aus eigenen, nicht zuletzt wirtschaftlichen Interessen.

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SZ vom 07.06.2017/ees
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