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Antisemitismus unter Muslimen:"Als Jugendlicher habe ich den Juden den Tod gewünscht"

Haben Islamverbände Einfluss auf die Hetze?

Sie beteiligen sich nicht aktiv daran. Allerdings würde ich mir wünschen, dass Millî Görüş, die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion oder der Rat der Muslime den Antisemitismus unter Muslimen endlich thematisieren und sich ernsthaft damit in ihren eigenen Reihen auseinandersetzen. Antisemitismus ist in den meisten Moscheen und Jugendgruppen seit Jahren vorhanden. Wer eine einseitige Betrachtung des Geschehens predigt, von Völkermord spricht oder Schwarz-Weiß-Bilder verbreitet, trägt zu dieser Hetzerei bei. Ich war Mitglied der Islamkonferenz und habe das Problem immer wieder angesprochen. Einmal musste ich mir anhören, dass es auch antimuslimische Einstellungen unter Israelis gebe. Das mag schon sein - aber darum ging es nicht. Der Hass ist völlig außer Kontrolle geraten und die Verbände haben auch keine Gewalt über die Jugendlichen. Ich halte es für möglich, dass es bei künftigen Demonstrationen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommen kann.

In einer Moschee in Berlin-Neukölln hat ein Prediger den Tod der "zionistischen Juden" beschworen. Das Video ist online zu sehen. Welche Wirkung hat das auf antisemitische Muslime?

Was er gesagt hat, ist nicht neu. Allerdings ist es ein Unterschied, ob sie in einem Facebook-Kommentar auftauchen oder von einem Prediger in einer Moschee mitten in Deutschland getätigt werden. Das ist ein anderes Level. Dass niemand aufgestanden ist, um Kritik zu üben, wundert mich nicht. Das zeigt die Selbstverständlichkeit solcher Aussagen. Demonstranten, die Juden bei einer Demo als "feige Schweine" beschimpften, bekamen seitens der anwesenden Polizei keinerlei Konsequenzen zu spüren. Das gibt natürlich Sicherheit und bestärkt darin, weiterzumachen. Wir müssen aber klar zeigen, dass hier eine Grenze überschritten wurde.

Pro-palästinensische Demonstration in Berlin

Eine Frau spricht während einer Pro-palästinensischen Demonstration in Berlin.

(Foto: dpa)

Die Polizisten wirkten offensichtlich hilflos angesichts der Radikalität der Sprüche - wie geht die Gesellschaft mit Antisemitismus unter Muslimen um?

Antisemitismus-Debatte in der Linken

Offener Hass, tiefe Scham

Der Nahost-Konflikt und die Ukraine-Krise offenbaren das außenpolitische Dilemma der Linken. In der Partei ist der Streit um möglichen Antisemitismus voll entbrannt. Das Schweigen zum Abschuss von MH17 kann da schon fast als Fortschritt gelten.   Von Thorsten Denkler

Viele Menschen sind unsicher, weil sie selbst oft viel zu wenig über die Konflikte wissen, beispielsweise in Nahost. Sie schwanken zwischen Betroffenheit über das, was in Gaza passiert, und der Verantwortung gegenüber Israel aufgrund der deutschen Vergangenheit. Allein die Diskussionen bei der Linken zeigen doch, wie undifferenziert auch die Politik oft damit umgeht.

Wo sollte man ihrer Meinung nach ansetzen?

Schon in der Schule. Es ist wichtig, dass die Jugendlichen, von denen wir hier reden, jemanden vorfinden, der sich mit ihren Feindbildern auseinandersetzt, ihnen widerspricht.

Im Geschichtsunterricht wird der Holocaust ausführlich behandelt. Reicht das nicht aus?

Es ist wichtig, dass das Dritte Reich im Unterricht thematisiert wird. Allerdings sind das deutsch-deutsche Konzepte, die die Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund nicht erreichen. Ihre antisemitische Haltung hat mit Verschwörungstheorien zu tun, mit der einseitigen Betrachtung des Nahostkonfliktes. Auch islamistische Tendenzen spielen eine Rolle. Es ist wichtig, einen Blick darauf zu werfen. Themen wie der Nahostkonflikt sollten deswegen unbedingt in der Schule behandelt werden. Es gibt Materialien, die das Thema differenziert darstellen. Gleichzeitig muss den Schülern Raum gegeben werden, offen über ihre Vorurteile zu sprechen, um sie nach und nach abzubauen.

Tun das die Schulen nicht schon längst?

Die Pädagogik ist noch nicht so weit. Ich habe mit Jugendlichen mit palästinensischem Hintergrund zusammengearbeitet, denen von der Schule aus verboten wurde, an einer Exkursion zu einem Konzentrationslager teilzunehmen. Die Lehrer hatten Angst, dass es zu einer Provokation seitens der Jugendlichen kommen könnte. Dann gibt es wieder Lehrer, die Verständnis für den Antisemitismus der Schüler zeigen, weil sie selbst betroffen sind über das Leid in Gaza. Das hat nichts mit Pädagogik zu tun.

Sie sind als Palästinenser in Israel aufgewachsen, empfanden selbst Hass auf Juden. Wie haben Sie sich davon befreit?

Als Jugendlicher habe ich den Juden den Tod gewünscht und sie mit Schweinen verglichen. Ich wurde so erzogen - meine Freunde dachten ähnlich. Als ich anfing, in Tel Aviv zu studieren, begegnete ich vielen Israelis und Juden. Ich musste erkennen, dass sie nichts mit meinen Vorstellungen zu tun hatten. Diese Begegnung hat mir persönlich geholfen, alles differenzierter zu sehen. Nun will ich auch den Jugendlichen in Deutschland mit einem ähnlichen Hintergrund die Möglichkeit geben, sich davon zu befreien.