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Antisemitismus:Finanzjudentum

Antisemitische Karikatur, 1943

Antisemitische Karikatur, 1943: Ein Jude, als habgieriger Geschäftsmann dargestellt.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

In verschwörungstheoretischen Foren wird noch heute über den schier unbegrenzten Einfluss der Rothschilds und anderer jüdischer Bankiersfamilien schwadroniert. Der Stereotyp des raffgierigen Juden, der mit Finanzgeschäften hinter den Kulissen die Geschicke der Welt lenkt, ist schon sehr alt - sein Ursprung findet sich ebenfalls im Mittelalter.

Zu dieser Zeit blieb jüdischen Bürgern oft keine andere Erwerbsmöglichkeit als der Geldverleih, da sie aus der Ordnung des Zunftsystems ausgeschlossen wurden, das nur Christen offen stand. Das führte dazu, dass man das Judentum schnell mit Finanzgeschäften verband - und ihnen Wucherei unterstellte.

Die Wirtschaftswissenschaftler Werner Sombart und Gottfried Feder führten Anfang des 19. Jahrhunderts die Unterscheidung von "schaffendem" Industriekapital und "raffendem" Finanzkapital ein. Mit letzterem wurde das "Finanzjudentum" diffamiert. Auf der einen Seite stand der "gute", wertschöpfende Kapitalismus, auf der anderen die "jüdisch-internationale Hochfinanz". Adolf Hitler griff die Termini auf und beschrieb das Finanzkapital als "Kapital, dessen Existenz ausschließlich auf Spekulation" beruhe.

Der Vorwurf, Geldgeschäfte hätten keinen gesellschaftlichen Nutzen - Juden bereicherten sich auf Kosten des Volkes - wurde mit der Vorstellung vermengt, die Politik sei dieser Finanzelite hörig, es existiere demnach nur eine Scheindemokratie. Besonders in einem globalisierungskritischen Kontext ist dieser Vorwurf weiterhin populär, auch wenn das Judentum oft nicht mehr explizit, sondern in Chiffren genannt wird (zum Beispiel "Hochfinanz" oder "Ostküste"). In diesem Zusammenhang wird in der Antisemitismusforschung von "strukturellem Antisemitismus" gespochen.

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