Judenhass in Europa Populisten bereiten dem Antisemitismus einen fruchtbaren Boden

Eine junge Frau betrachtet die Stelen des Holocaust-Mahnmals in Berlin.

(Foto: dpa)

Es muss aufrütteln, wenn Überlebende der Schoah warnen, es könne sich "eine neue Art Holocaust" ereignen. Alle Teile der Gesellschaft müssen dies ernst nehmen.

Kommentar von Alexandra Föderl-Schmid, Tel Aviv

Schändungen Dutzender Grabsteine in Frankreich, die Diskussion über die Verbreitung von Antisemitismus unter Polen und die Austritte von acht Labour-Abgeordneten auch aus Protest gegen die nicht eindeutige Haltung ihres Parteichefs Jeremy Corbyn: Es wird gerade in vielen Ländern über Antisemitismus in all seinen Ausprägungen diskutiert. Darin liegt eine Chance für Klarstellungen. Denn es geht um eine Gemengelage, die toxisch ist und vom Nahostkonflikt überlagert wird. Fast jeder hat dazu eine Meinung, und daraus entstehen Haltungen, die oft keinen Platz mehr für Differenzierung lassen - was gerade bei dem Thema dringend geboten ist.

Viele Juden in Europa und neuerdings auch in den USA fühlen sich nicht mehr sicher. Das subjektive Gefühl der Bedrohung lässt sich durch Zahlen belegen. Und es beruht auf Vorfällen wie den Grabschändungen und den Ausfällen gegen den Philosophen Alain Finkielkraut am Rande einer Gelbwesten-Demonstration in Frankreich. Angriffe gegen Juden in Berlin sind erst vor Kurzem erfolgt.

Wenn in einer in zwölf europäischen Ländern durchgeführten Umfrage der EU-Agentur für Grundwerte im Durchschnitt 28 Prozent der befragten Juden angeben, in den vergangenen fünf Jahren beleidigt oder beschimpft worden zu sein, dann ist das ein Alarmsignal - erst recht in Deutschland, aber auch in Frankreich und überall. Umso wichtiger ist die Reaktion, die Tausende Menschen in Frankreich am Dienstagabend mit ihrer Demonstration gegen Antisemitismus gezeigt haben.

Antisemitismus Tausende Franzosen protestieren gegen Antisemitismus
Paris

Tausende Franzosen protestieren gegen Antisemitismus

Bis zu 20 000 Menschen demonstrieren am Dienstagabend auf dem Place de la République gegen Judenhass. Anlass sind sich häufende Taten gegen die jüdische Gemeinde in Frankreich.

Es war höchste Zeit. Und es muss aufrütteln, wenn Überlebende der Schoah in Deutschland und Österreich warnen, es könne sich "eine neue Art Holocaust" ereignen. Alle Teile der Gesellschaft müssen dies ernst nehmen. Denn es haben sich in den vergangenen Jahren Grenzen des Sagbaren und Ertragbaren verschoben. Wer hätte es vor einigen Jahren für möglich gehalten, dass die Zeit des Nationalsozialismus mit einem "Vogelschiss" gleichgesetzt wird, wie dies der AfD-Politiker Alexander Gauland getan hat?

So wie das Recht von manchen gebogen wird, so gibt es eine Biegung der Geschichte - nicht nur in Deutschland. In Ungarn preist Regierungschef Viktor Orbán das für die Deportation Hunderttausender Juden verantwortliche einstige Staatsoberhaupt Miklós Horthy. In Polen verbietet ein Gesetz, die polnische Mitschuld am Massenmord von Juden zu benennen. In Österreich kann ein FPÖ-Politiker nach kurzer Auszeit zurückkehren, selbst wenn er Aussagen in einem Liederbuch zu verantworten hat, dass man die Vergasung der siebten Million auch noch schaffe.

Die Populisten bereiten mit ihren Ressentiments den Boden

In Polen und Ungarn regieren nationalistische Politiker, die AfD sitzt in allen 16 deutschen Landtagen, und die FPÖ ist in Österreich in der Bundesregierung vertreten. Dass die britische Labour Party unter Jeremy Corbyn und ein Teil der Linken in Frankreich in Verdacht geraten sind, im Windschatten antizionistischer Propaganda und antiisraelischer Boykottbewegungen auch antisemitische Stimmungen zu nähren, hat mit unklaren Positionen zu tun. Corbyn hat es verabsäumt, Abgrenzungen vorzunehmen.

Diejenigen, die das Grauen der Nazizeit überlebt haben, erkennen mit geschärftem Blick, welcher Ungeist heute wieder hochkommt und auf den furchtbar fruchtbaren Boden fällt, den die Populisten mit ihren Ressentiments bereiten. Ihr übersteigertes nationales Wir-Gefühl grenzt andere aus, und diesen anderen - Ausländern, Muslimen, Juden - wird die Schuld zugeschoben an allem, was tatsächlich oder auch nur vermeintlich schiefläuft.

In den USA, wo sich Juden bisher sicher wähnten, stellt das Massaker an elf Juden in der Synagoge von Pittsburgh 2018 eine Zäsur dar. Mit Donald Trump regiert hier ein Präsident, der gegen Minderheiten agiert und dazu beiträgt, dass Rassismus in vielerlei Form zutage tritt.

Auch in Israel erstarkt der Rassismus, und im Nationalstaatsgesetz wird der "jüdische Staat" betont. Kritik am Handeln der Regierung oder am Agieren der Streitkräfte in palästinensischen Gebieten wird oft als antizionistisch oder antisemitisch abgetan - nicht nur von Regierungsvertretern, sondern auch von Aktivisten weltweit. Gleichzeitig hat Israels Premier Benjamin Netanjahu kein Problem damit, Politiker wie Orbán oder den philippinischen Hitler-Bewunderer Rodrigo Duterte als "wahre Freunde Israels" zu bezeichnen. Er schließt sich einer antisemitischen Kampagne gegen George Soros an und geht sogar so weit, in einer Erklärung in Warschau Antisemitismus mit Antipolonismus gleichzusetzen. Das ist genauso falsch wie die von Außenminister Israel Katz wiederholte Aussage von Jitzchak Schamir, alle Polen hätten Antisemitismus mit der Muttermilch aufgesogen.

Falsch ist es auch, jede Kritik an Israel als antisemitisch einzustufen. Es gilt jedoch, schleunigst aufzustehen und klar Stellung zu beziehen gegen verbale Angriffe und physische Attacken.

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