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NS-Antisemitismus und Muslime:Eine Achse der anderen Art

Großmufti Mohammed Amin al-Husseini bei bosnischen Freiwilligen, 1944

Enge Beziehungen: Der islamische Geistliche Mohammed Amin al-Husseini (links) besucht 1944 muslimische Freiwillige der Waffen-SS in Bosnien.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Der Historiker Matthias Küntzel hält den Nahost-Konflikt für einen "Langzeiteffekt der jahrelangen antisemitischen Nazipropaganda", die die muslimischen Anführer stark beeinflusste. Was ist dran an dieser steilen These?

Nach seinem tendenziösen Essay "Djihad und Judenhass" von 2002 hat der Historiker Matthias Küntzel mit seinem jüngsten Buch ein mit zahlreichen Quellen versehenes Sachbuch vorgelegt. Geradezu dreist ist aber die Behauptung des Verlages, das Buch beleuchte ein "bislang unbekanntes Kapitel deutscher Vergangenheit", sind doch mittlerweile unzählige Werke zur Beziehungsgeschichte zwischen Nationalsozialismus und Nahem Osten entstanden.

Wie die Propaganda der Nazis im Nahen Osten funktionierte und rezipiert wurde, haben Historiker wie Stefan Wild oder Gerhard Höpp bereits vor Jahrzehnten dokumentiert mit Analysen zur Rezeption der arabischen Übersetzung von "Mein Kampf" oder antisemitischer Propagandaschriften wie der "Protokolle der Weisen von Zion".

Die arabische Kollaboration mit Deutschland, allen voran des palästinensischen Muftis Amin al-Husseini, ist umfassend dokumentiert. Neuere Studien schildern das vielschichtige Verhältnis von Nationalsozialismus und arabischer Welt. Die NS-Islam-Politik im Zweiten Weltkrieg hat kürzlich David Motadel in seiner Studie "Für Prophet und Führer" (Klett-Cotta, 2017) umfassend dargestellt. Diese wird von Küntzel nur beiläufig erwähnt.

Dabei macht Motadels Buch deutlich: "Islam" und "Naher Osten" sind nicht kongruent. Die islamische NS-Propaganda richtete sich zum Beispiel auch an Muslime auf dem Balkan, in der Sowjetunion oder in Indien. Zugleich ist der Nahe Osten kulturgeschichtlich durch viele Einflüsse geprägt und nicht auf "den Islam" zu verengen.

Wenn Küntzel vom "islamischen Antisemitismus" spricht, geht es ihm aber gerade nicht um antijudaistische Motive in islamischen Kontexten, sondern um den aus Europa importierten Antisemitismus, den die Nazis laut Küntzel erfolgreich im "arabischen Raum" verankerten.

Darin sieht er ein Hauptmotiv für den Nahostkonflikt und den arabischen Krieg gegen den neu gegründeten Staat Israel im Jahr 1948, den er als "eine Art Nachbeben des vorausgegangenen Nazi-Kriegs gegen die Juden" bezeichnet.

Küntzels zentrale geschichtspolitische These, die er bereits in zahlreichen Schriften dargelegt hat, lautet: Der Nahostkonflikt ist kein nationaler Konflikt um Land oder Ressourcen, sondern ein "Langzeiteffekt der jahrelangen antisemitischen Nazipropaganda".

Eine zentrale Rolle weist er dabei der nationalsozialistischen Radiopropaganda zu, die der amerikanische Historiker Jeffrey Herf erforscht hat. Obwohl Küntzel selbst einräumt, dass seriöse Schlussfolgerungen über die Rezeption vor Ort kaum möglich sind, behauptet er, dass sich durch die Propaganda die "Dämonisierung des Zionismus und der Juden im Bewusstsein vieler arabischer Führer" festgesetzt habe. Belege kann er für diese sehr weit gehende These aber nicht liefern.

Die historischen Quellen deuten auf ein viel komplexeres Bild hin

Küntzel blendet zudem Studien weitgehend aus, die in den vergangenen Jahren ein weitaus differenzierteres Bild der Wahrnehmung NS-Deutschlands in der arabischen Welt gezeichnet haben. So hat etwa der israelische Historiker Israel Gershoni eindrucksvoll gezeigt, dass es in Ägypten außer Zustimmung auch lautstarke und durchaus sehr weit verbreitete Kritik am Nationalsozialismus gab. Stattdessen suggeriert Küntzel durch Bezug auf Quellen, die NS-Kontakte zu den Muslimbrüdern belegen, eine nachhaltige Einflussnahme auf die islamistische Bewegung.

Die historischen Quellen deuten auf ein viel komplexeres Bild hin, das pauschale Aussagen über Ablehnung oder Zustimmung zum Nationalsozialismus in der arabischen Welt verbietet. Schließlich konnten die damaligen Mandats- oder Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien vor Ort dem deutschen Einfluss mit den Mitteln der Zensur entgegentreten und ihre eigene Propaganda verbreiten.

Nicht zuletzt kämpften Hunderttausende Muslime in den Reihen der Alliierten gegen Deutschland, viele verloren ihr Leben. Erst in den letzten Jahren sind diese im Kontext von Kolonialismus und Autoritarismus verschütteten Erfahrungen erinnerungsgeschichtlich aufgearbeitet worden.

Matthias Küntzel: Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand. Verlag Hentrich&Hentrich, Leipzig, 2019. 227 Seiten, 19,90 Euro.

Hier lägen viel größere Potenziale für die im letzten Kapitel des Buches angestellte Überlegung, wie man die Auseinandersetzung mit dem Thema Antisemitismus unter Muslimen in Deutschland führen könnte. Stattdessen sieht Küntzel in der Tradition anderer sogenannter "Islamkritiker" die Herausforderung in einer zu großen Toleranz und Tabuisierung des Themas in Gesellschaft und Medien.

Einzig die arabische Welt habe nach dem 8. Mai 1945, so Küntzel, noch Sympathien für den Nationalsozialismus gehabt: "Während Adolf Hitler und sein Regime in fast allen Teilen der Welt... als Inbegriff des Bösen galt, wandte sich die arabische Welt von diesem Konsens ab." Damit weist Küntzel nicht nur der arabischen Welt eine unhaltbare Singularität zu, sondern ignoriert auch die deutsche Unfähigkeit, den beschriebenen Konsens anzuerkennen: Schließlich war es gerade Deutschland, wo die Aufarbeitung der Verbrechen Jahrzehnte dauerte und viele NS-Täter ungehindert Karriere machen konnten.

Die Instrumentalisierung der Beziehungsgeschichte zwischen arabischer Welt und Nationalsozialismus hat 2015 der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu auf die Spitze getrieben, als er behauptete, Hitler habe erst auf Anweisung des Muftis Amin al-Husseini die Ermordung der Juden erwogen. Dafür erntete er zu Recht Empörung.

Auch Küntzels monokausale Erklärung der "Verbreitung eines islamisch eingefärbten Nazi-Antisemitismus in der arabischen Welt" fügt sich in ein geschichtspolitisches Narrativ, das Israel von der eigenen Verantwortung im israelisch-palästinensischen Konflikt freisprechen soll. Die gebotene Differenzierung, die der Autor für seine Studie immer wieder reklamiert, bleibt da auf der Strecke.

René Wildangel ist Historiker und schreibt unter anderem zum Schwerpunkt Naher/Mittlerer Osten.

© SZ vom 18.05.2020
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