In Berlin-Pankow wurden vor einigen Tagen antisemitische Parolen an Hauswände gesprüht. „Kill all Jews“ stand dort, „tötet alle Juden“. Ein öffentlicher Aufschrei war kaum zu vernehmen. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, sieht darin einen Beweis für eine „neue Normalität“, die Jüdinnen und Juden in Deutschland seit dem Massaker der Hamas in Israel am 7. Oktober 2023 erleben. Antisemitismus habe als „Teil des öffentlichen Raums eine Normalisierung erfahren“. Dass solche Graffiti mitten in Berlin „keinen Sturm der Entrüstung“ auslösten, sei als Zustand „unhaltbar“, sagte er.
Der Zentralrat der Juden hat ein Lagebild zum Gefühl der Sicherheit und Zugehörigkeit der jüdischen Gemeinden in Deutschland erstellt. Dazu hat er bundesweit 102 Gemeinden befragt. Das Ergebnis: Mehr als zwei Drittel der jüdischen Gemeinden schätzen das Leben in Deutschland seit dem 7. Oktober 2023 auch in Deutschland als unsicherer ein. Gründe dafür seien unter anderem der Anstieg antisemitischer Vorfälle und Ängste durch „aggressive“ Demonstrationen gegen Israel. Der Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen habe daran nichts geändert. Der Krieg mit Iran aber habe die Unsicherheit noch einmal deutlich verschärft.
Als Folge des Erstarkens des Antisemitismus geht laut dem Zentralrat die Sichtbarkeit jüdischen Lebens in Deutschland zurück. Das betreffe insbesondere Kinder und Jugendliche: Oft hätten Eltern Angst um sie und würden ihnen deswegen verbieten, jüdische Symbole zu tragen.
Die Mehrheit der jüdischen Gemeinden nimmt zudem eine schwindende Unterstützung der Zivilgesellschaft wahr. Im Vergleich zu 2023, als das Lagebild das erste Mal erhoben wurde, ist ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen: Heute fühlen sich 35 Prozent der Gemeinden unterstützt, vor zwei Jahren waren es noch 62 Prozent. In der Umfrage wird ein Teilnehmer zitiert, der sagt, es sei „nie einfach“ gewesen, als jüdische Person in der Öffentlichkeit zu stehen. Nun aber habe die fehlende Solidarität „zu einem Rückzug ins jüdische Umfeld geführt“.
Die Ergebnisse der Umfrage sollten „Alarmsignal und Ansporn“ sein, fordert Schuster
Besonders erschreckend sind die Zahlen zu den Zukunftsaussichten jüdischen Lebens in Deutschland. „Nur 13 Prozent der jüdischen Gemeinden schätzen die Perspektive für jüdisches Leben in Deutschland positiv ein“, sagt Schuster. 56 Prozent der Befragten blicken in dieser Frage pessimistisch in die Zukunft, ein Drittel ist neutral. Noch schlechter sind die Aussichten in ganz Europa: 81 Prozent der jüdischen Gemeinden schätzen sie negativ ein, nur vier Prozent blicken „sehr optimistisch“ in die Zukunft. Trotzdem lassen sich laut Angaben des Zentralrats bisher keine Abwanderungsbewegungen aus Deutschland feststellen. In anderen europäischen Ländern ist das anders.
Eine gute Nachricht gibt es auch: Die Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden funktioniert offenbar sehr gut. 91 Prozent der Gemeinden sind demnach mit der Arbeit der Polizei zufrieden.
Schuster mahnt, die Umfrageergebnisse müssten für „Entscheidungsträger und die Gesellschaft gleichermaßen Alarmsignal und Ansporn sein“. Judenhass habe sich normalisiert, das umzukehren erfordere „enorme Kraftanstrengungen“.

