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Antisemitismus:Deutsche Zustände

Es ist zu normal in diesem Land, dass sich jüdische Gemeinden bewachen lassen und verschanzen müssen. Die Gewalttat vor einer Synagoge in Hamburg zeigt: Was es braucht, ist nicht mehr politische Betroffenheitsgesten, sondern solidarische Ungeduld.

Von Ronen Steinke

Man hat sich an Zustände gewöhnt in Deutschland, an die man sich niemals gewöhnen darf. Diese Zustände sehen so aus: Private Wachleute und Polizisten stehen überall im Land vor Synagogen, nicht weil dort gerade ein Verbrechen passiert wäre. Sondern weil die Gefährdungsanalysen der Landeskriminalämter davon ausgehen, dass andernfalls Gewaltverbrechen geschehen würden. So ist das seit Jahrzehnten.

Man kann nicht oft genug festhalten, wie himmelweit entfernt von "Normalität" - gar von einer entkrampften, coolen, historisch geläuterten, neuen deutschen Normalität, wie sie gern beschworen wird - diese Zustände liegen. Es ist reelle deutsche "Normalität", die jüdische Gemeinden in diesem Land zwingt, selbst etwas so Leichtherziges wie Sukkot - ein Erntedankfest, bei dem man mit Kindern eine Hütte mit Obst schmückt - hinter hohen Zäunen und Wachschutz zu verschanzen.

Wie nötig das ist, hat sich am Sonntag wieder in Hamburg gezeigt, wo ein 29-jähriger Angreifer einen jüdischen Gottesdienstbesucher krankenhausreif geschlagen hat. Dagegen braucht es nicht schon wieder Trauer, Anteilnahme und Betroffenheit; davon haben die Gemeinden mehr als genug. Sondern praktische Solidarität, Wut und Ungeduld. Mit diesen Zuständen darf sich diese Gesellschaft nicht länger abfinden.

© SZ vom 06.10.2020

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