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Linke und Israel:Arafats Komplizen

  • Der US-Historiker Jeffrey Herf erklärt die antizionistische und antisemitsche Agitation der DDR und BRD-Linker.
  • Diese unheilige Allianz fand sogar: Ihre Feindschaft zu Israel sei eine Form des Antirassismus.

Der amerikanische Historiker Jeffrey Herf lebte 1978/79 in Frankfurt am Main, um für seine Dissertation zu recherchieren. Dort hörte er von zwei Mitgliedern der Frankfurter linken Szene, die an der Entführung eines Flugzeugs der Air France auf dem Weg von Tel Aviv nach Paris durch palästinensische und deutsche Terroristen teilgenommen hatten.

Das Besondere an diesem Terrorakt im Juli 1976 auf dem Flughafen von Entebbe in Uganda war gewesen, dass deutsche Linksterroristen mit vorgehaltenen Maschinenpistolen jüdische Passagiere von den anderen trennten. Die übrigen Geiseln wurden freigelassen.

Als ein Holocaustüberlebender dem an der Aktion beteiligten Wilfried Böse dabei seine am Unterarm eintätowierte KZ-Nummer zeigte, erwiderte dieser auf den darin implizierten Vorwurf, er sei kein Nazi, sondern Idealist, sein Ziel sei es, den unterdrückten Palästinensern zu helfen.

Erstmals seit den Selektionen an der Rampe von Auschwitz hatten Deutsche Juden nach den Kriterien der Nürnberger Rassegesetze wieder stigmatisiert. Seit dem Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967 hatte sich die radikale Linke gegen Israel gewandt und begonnen, mit palästinensischen Organisationen zusammen zu arbeiteten und sich militärisch ausbilden zu lassen.

Herfs Urteil klingt absolut: In keinem anderen Land habe der "antiisraelische Eifer" eine so "erstaunliche Flucht vor der Last einer nationalen Vergangenheit" mit sich gebracht wie in Deutschland.

1978 nahmen Anschläge in Deutschland immer stärkere Ausmaße an. "Legitime" Angriffsziele waren laut Herf dabei auch jüdische Einrichtungen: Altenheime, Kindergärten, Synagogen. In rabulistischer Verdrehung deklarierten die "Revolutionären Zellen" ihre Ziele: "Kampf gegen Zionismus ist der entschiedenste Kampf gegen jeglichen Antisemitismus". So war das Töten von Juden in der BRD ein Mittel, Antisemitismus zu bekämpfen, schreibt Herf.

Warum handelten westdeutsche Extremisten wie Vernichtungsantisemiten? Und warum ließen ostdeutsche Kommunisten, die gegen die Nazis gekämpft hatten und ihre antifaschistische Tradition hoch hielten, den Feinden Israels Unterstützung zukommen und feierten Jassir Arafat auf den Titelseiten ihrer staatlich kontrollierten Presse? Das sind Fragen, mit denen sich Herf fortan beschäftigte.

Der Staatsapparat im Osten und die radikalen Linken im Westen, vereinigt in einer unheiligen Allianz und nicht gebunden an einen moralischen Kompass, erhoben für sich den Anspruch, ihr Antagonismus zu Israel sei eine Form des Antirassismus und sogar des Antifaschismus. Was die DDR betraf, so war das ideologische Fundament in den stalinistischen "antikosmopolitischen Säuberungen" Anfang der 1950er Jahren in der Sowjetunion und Osteuropa gelegt worden.

Die vormals für eine kurze Zeit geübte Unterstützung für den werdenden Staat Israel war obsolet geworden und der Begriff "Zionismus" wurde fortan zu einem Schmähwort im kommunistischen Diskurs.

Ostberlin unterstützte radikale Feinde Israels mit "Solidaritätsgütern"

Die nach 1945 aus dem Exil zurückgekehrten deutschen Kommunisten waren überzeugt, dass sie selbst, nicht die Juden, die eigentlichen Opfer von NS-Verfolgung gewesen seien. Sie empörten sich über die Ansprüche der jüdischen "Opfer", ihr Leid auf die gleiche Stufe wie das der kommunistischen "Widerstandskämpfer" stellen zu wollen.

Jassir Arafat in der DDR, 1974

Gern gesehener Gast: PLO-Chef Jassir Arafat (Mitte) besucht 1974 in einem Ferienlager in Frankfurt/Oder palästinensische Kinder, die in einem internationalen kommunistischen Kinderdorf Ferien machen.

(Foto: DPA)

Doch kein "so dichter ideologischer Nebel", so Herf, konnte die schlichte Tatsache verschleiern, dass sich Deutsche wieder einmal daran beteiligten, Juden Gewalt anzutun. Die politischen Entscheidungsträger in der DDR schlossen zu einer Zeit Bündnisse mit palästinensischen Terrororganisationen, als diese Anschläge gegen Israel verübten.

Der propagierte Antizionismus ging mit einem Wiederaufleben antisemitischer Verschwörungstheorien einher. Dieser Punkt bringt Herf dazu, die Frage aufzuwerfen, ob das ostdeutsche Regime womöglich die "zweite antisemitische Diktatur im Deutschland des 20. Jahrhunderts" war, ob Teile der westdeutschen radikalen Linken eine antisemitische Bewegung waren und gerade deshalb Anhänger fanden, weil der Hass auf Israel in Deutschland eine "vertraute Tonart" anschlug.

Die DDR ließ keine Gelegenheit aus, Israel propagandistisch zu denunzieren, zu dämonisieren und zu delegitimieren. Herf fördert Archivquellen ans Licht, die belegen, wie umfangreich Ostberlin radikale Feinde Israels mit "Solidaritätsgütern" unterstützte. Das Ausmaß und die Details dieser eliminatorischen Komplizenschaft waren bislang nicht bekannt.

Die DDR war das einzige Mitglied des Warschauer Paktes, das nie diplomatische Beziehungen zum Staat Israel unterhielt, gleichwohl der erste Staat in Europa, der die PLO formell anerkannte.

Das Politbüro instruierte während des Sechs-Tage-Krieges im Jahr 1967 den Direktor des Nationalrats der Nationalen Front, Albert Norden - Sohn des in Theresienstadt ermordeten Rabbiners Joseph Norden - "Stellungnahmen von jüdischen Bürgern der DDR zu veröffentlichen, in denen sie ihre Empörung über die Israel-Aggression und das Komplott Israel-Washington-Bonn zum Ausdruck bringen" sollten.

Doch damit stieß Norden auf Granit: Mehrere prominente ostdeutsche jüdische Autoren, wie etwa der Schriftsteller Arnold Zweig, weigerten sich rundheraus, eine solche Erklärung zu unterschreiben.

Staatsratsvorsitzender Walter Ulbricht wurde nicht müde, Israel mit NS-Deutschland zu vergleichen. Er schwadronierte, wenn er auf Israel zu sprechen kam, ganz in der Diktion der NS-Propaganda, vom "Protektorat Sinai" oder vom "Generalgouvernement Jordanien".

Die Assoziation Israels mit Nazi-Deutschland blieb ein ständig wiederholtes Muster des linken Antizionismus. Die archivalischen Belege verschiedener DDR-Institutionen lassen keinen Zweifel daran, dass der Arbeiter- und Bauernstaat einen nicht erklärten Krieg gegen den Judenstaat führte. Aus diesen Quellen schöpft Herf in seiner fulminanten Untersuchung.

Seit der Aufnahme in die UN 1973 spielte die DDR in ihrer antiisraelischen Haltung eine aktive Rolle und nutzte die Vollversammlung, um die Forderungen der PLO zu vertreten. Während die BRD und die USA sich hier häufig in der Minderheit wiederfanden, schlug sich die DDR konsequent auf die Seite der großen antiisraelischen Mehrheit.

Erst 1990 bat die Volkskammer um Verzeihung für "Heuchelei und Feindseligkeit" der DDR

Als die westdeutsche Linke 1967 Elemente des linken Antiimperialismus übernahm, ordnete sie Israel ebenfalls auf der "falschen" Seite ein, als einen Staat, der in ihren Augen verantwortlich war für die weltweiten Spannungen zwischen einem bösen Imperialismus und einer tugendhaften, ausgebeuteten "Dritten Welt".

Jeffrey Herf
Unerklärte Kriege gegen Israel

Jeffrey Herf: Unerklärte Kriege gegen Israel. Die DDR und die westdeutsche radikale Linke 1967-1989. Aus dem Englischen übersetzt von Norbert Juraschitz. Wallstein-Verlag, Göttingen 2019. 518 Seiten, 39 Euro.

Dieter Kunzelmann, ein prominenter Linker aus West-Berlin, drängte 1969 seine Genossen, den "Judenkomplex" zu überwinden, der das linke revolutionäre Denken und Handeln behindere. Und im November 1972 bejubelte Ulrike Meinhof den Anschlag des "Schwarzen September" auf israelische Athleten bei den Olympischen Spielen in München als großartige revolutionäre Tat mit den Worten, Israel selbst habe seine Sportler "verheizt wie die Nazis die Juden - Brennmaterial für die imperialistische Ausrottungspolitik". Es gab einen westdeutschen linksradikalen Antisemitismus, der offen den Mord an Juden guthieß.

Es scheint so, als hätten die Kommunisten im Osten Deutschlands das Wesen und die Ursprünge des Judenhasses nie wirklich begriffen. Ihre lange Feindseligkeit gegenüber Israel steckte voller Klischees und Stereotype über die Boshaftigkeit des jüdischen Staates - allesamt vertraute antisemitische Topoi. Indem die Linken die Bundesrepublik wegen ihrer "philosemitischen" Staatsräson schmähten, war ihre Verurteilung des Zionismus eine Form, die Last der Geschichte zu kompensieren.

In der kurzlebigen Geschichte der Volkskammer von April bis 2. Oktober 1990 verabschiedeten die Abgeordneten am 12. April 1990 ohne Gegenstimme bei 21 Enthaltungen eine Resolution, in der "um Verzeihung" für die "Heuchelei und Feindseligkeit der offiziellen DDR-Politik" gegenüber dem Staat Israel und "für die Verfolgung und Entwürdigung jüdischer Mitbürger auch nach 1945 in unserem Lande" gebeten wurde.

Und am 22. Juli 1990 distanzierten sich die Abgeordneten in einer weiteren Resolution von der "hierzulande praktizierten antiisraelischen und antizionistischen Politik" sowie von der UN-Resolution 3379 unter Hinweis auf die darin festgestellte Gleichsetzung von Zionismus und Rassismus.

2011 begann Herf mit der Arbeit an seinem Buch, das 2016 in New York erschien. Jetzt liegt es endlich auch auf Deutsch vor. Es ist ein Buch über antiisraelische Emotionen in Gesamtdeutschland. Herf entlarvt die Übertragung einer antizionistischen Ideologie auf eine antisemitische Haltung mit dem Ziel, Juden Schaden zuzufügen und den Staat Israel mit Waffengewalt zu zerstören.

Ludger Heid ist Neuzeithistoriker. Er lebt in Duisburg.